Oldenburg - In dem Becken steht das Regenwasser, die grüne Farbe blättert stark ab. Sporadisch verpackt in blauer Umzugsfolie und mit Klebeband zugeschnürt, steht das über zwei Meter hohe Gebilde bei den Kowskys in der Einfahrt.
Der Oldenburger Arzt Sebastian Kowsky geriet eher zufällig in den Besitz der Pferdetränke, mit dem Kauf eines Grundstücks im vergangenen Jahr. Zunächst war nicht klar, dass sie einen historischen Wert haben könnte. Tatsächlich aber handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Pferdetränke, die um 1900 am ersten Oldenburger Hauptbahnhof gestanden hat, der 1914 abgerissen wurde.
Die einzige Information, die Kowsky bei der Übernahme hatte: Die Pferdetränke soll von dem Künstler Gerhard Lange stammen. Damit blieb die Geschichte für ihn erst einmal unspektakulär. Dann erfuhr er von Nachbarn, dass die Tränke früher einmal am Bahnhof gestanden haben soll. Das machte den Familienvater neugierig. Er fing an, zu recherchieren und fand heraus: „Es muss sich um ein Original handeln.“ Bestätigen konnte das noch keiner.
Um 1900 soll die Aerzener Maschinenfabrik mehrere dieser Exemplare hergestellt haben. Das Unternehmen befindet sich im südlichen Niedersachsen. Es existiert noch heute. Auf dem Betriebsgelände steht seit 1989 sogar eine Nachfertigung der Pferdetränke. „Wir haben die einmal hergestellt, aber keiner weiß mehr etwas darüber“, sagt Angelika Catosie.
Gusseisern hergestellt
Indiz dafür, dass der Brunnen die beiden Weltkriege beinahe unbeschadet überstanden hat: Die Tränke ist gusseisern. Recherchen ergaben, dass für Nachbildungen der Tränke überwiegend Bronzematerial verwendet wurde, wahrscheinlich aus Kostengründen. Zum Beispiel für den Pferdebrunnen in Rostock, auf dem Heiligengeisthof: Den Guss soll die Bildgießerei Kraas in Berlin übernommen haben. Das 1883 gegründete Unternehmen ist mittlerweile geschlossen. Nach Angaben eines Online-Artikels von WeltN24 war es auf Bronzefiguren spezialisiert.
Zur Einweihung im Jahr 2000 berichtete die Rostocker Zeitung, dass die Tränken im Mittelalter an Verkehrsknotenpunkten standen, auf Märkten und Plätzen oder an großen Kreuzungen. Am großen Becken (siehe Bild links) konnten Pferde eine Trinkpause einlegen, am Boden fanden Hunde und Katzen eine Erfrischung, an der Spitze gab es sogar eine Schale für Vögel. Laut Rostocker Zeitung soll es eine Nachbildung eines klassizistischen Originals sein. Das entspräche der Zeit zwischen 1770 und 1840.
Nur wenige Originale
Ein Original findet sich noch in Bonn, am Remigius-platz. Hier steht es seit 1968, „ein Brunnen aus Großvaters Zeiten“, heißt es in einem Bericht der Bonner Rundschau. Der Stadt liegt ein Dokument vor, in dem ebenfalls Gerhard Lange als Künstler aufgeführt ist. Hier ist außerdem vermerkt, dass die Tränke aus einer „industriellen Serie“ stammt. Es muss einst viele dieser Tränken gegeben haben. „Die kommen aus der Zeit der Kutschen“, erklärt Yvonne Leiverkus aus dem Stadtarchiv in Bonn. Hergestellt worden seien sie um 1900 aus Gusseisen – genau wie die aus Kowskys Garten. Ob das Bonner Exemplar aus den Aerzener Werken stammt, weiß man hingegen nicht mehr. Es gab aber wohl einen Vorgängerstandort. Vor 1912 befand sich die Tränke am Wittelsbacher Ring.
In Bremen steht eine Pferdetränke in der Contrescarpe, einer historischen Straße in Bremen Mitte. Ob es sich dabei um ein Original der Aerzener Werke handelt, weiß die Denkmalpflege nicht.
Zugang für Oldenburger
Ein echtes Liebhaberstück, diese Pferdetränke. Und eine Rarität, falls sich die Vermutung bestätigt. Anfangs sollte die Tränke zur Dekoration im Garten stehen bleiben. Nach dem Umbau passte das alte Stück dann doch nicht mehr zum modern gestalteten Haus. Was also anstellen mit dem vermeintlich wertvollen Brunnen? „Das ist ein echtes Stück Oldenburger Geschichte“, ist Kowsky überzeugt, „es wäre sicher schön, sie den Leuten öffentlich zur Verfügung zu stellen.“ Sie ist längst nicht mehr funktionsfähig, zwei Vogelfiguren oben an der Spitze sind abgebrochen. „Das müsste dann restauriert werden.“
Die Stadt will die Echtheit des Brunnens prüfen. „Wir müssen das historisch einordnen und uns erst einmal gründlich damit auseinandersetzen“, sagt Pressesprecher Reinhard Schenke. Ein Denkmalschutz sei nicht ausgeschlossen. Ob am Ende Interesse bestehe, das Kunstwerk für Museumszwecke zu kaufen, sei noch völlig unklar.
