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GASTBEITRAG „Wer braucht denn einen Krieg?“

ROLF STELLJES

HUDE/BREMEN - Der 2. Weltkrieg beginnt um 5.45 Uhr. Der 1. September 1939, ein Freitag, war kein Tag wie jeder andere.

Meine Mutter weckte mich an jenem frühen Freitagvormittag so richtig brutal aus tiefstem Schlaf. „Steh’ auf, es droht Krieg!“, rief sie und zupfte an meiner Bettdecke. Ich drehte mich um, viel zu müde, um solche inhaltsschweren Worte in ihrer vollen Bedeutung auch nur annähernd zu begreifen. Mutter war empört: „Na so was, das ist doch nicht zu fassen, du liegst im Bett! Mensch, Rolf, es kommt wohl Krieg, hörst du, Krieg, also raus mit dir! Dein Hitler spricht gleich im Radio!“.

Mutter riss meine Bettdecke zur Seite, zog an meinen Beinen, da kam ich hoch: „Was denn für ein Krieg?“, maulte ich, rieb mir die Augen und starrte Mutter nur blöde an. „Frag’ nicht lange! Dein Fähnleinführer war hier, er will euch alle ganz rasch in eurem HJ-Heim sehen, also mach’ schon; dein Frühstück ist in der Küche“, sagte sie und hob dann beide Hände hoch. „Krieg! Krieg! Mein Gott, wofür kommt jetzt Krieg?“ fragte sie mich und ging dann kopfschüttelnd aus meinem Zimmer, und ich hörte noch: „Hitler hat doch vor einer Woche erst mit Stalin diesen neuen Pakt gemacht, diesen Nichtangriffspakt! Und warum jetzt Krieg mit den Polen? Wer braucht denn einen Krieg?“.

Über den „Nichtangriffspakt Deutschland – UdSSR“ vom 23. August 1939 mit einem geheimen „Zusatzprotokoll über die Aufteilung Ostmitteleuropas“ herrschte wirklich überall spürbare, echte Erleichterung! Denn jahrelang hatte die Nazipropaganda uns die „riesige Gefahr aus dem Osten“ durch „Stalins Horden“ eingehämmert. Und wohl die meisten hatten gehofft, dass diese Gefahr nun vorbei sei.

Um 10 Uhr stand ich noch im Pyjama im Wohnzimmer vor dem neuen Blaupunkt-Radio. Der Rundfunk meldete: „Der Führer spricht!" Hitler trat erstmals in feldgrauer Uniform in Berlin vor seinen Reichstag zu einer kurzen, weltweit wohl schockierenden Rede. „Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Von nun an wird Bombe mit Bombe vergolten! Ich habe damit wieder jenen Rock angezogen, der mir selbst der heiligste und teuerste war. Ich werde ihn nur ausziehen nach dem Sieg, oder ich werde dieses Ende nicht mehr erleben.“

Mutter rennt raus, ich fühle mich wie – ich weiß nicht, so ging's mir noch nie. „Mein Führer!“, sag’ ich laut vor mich hin. Ich bin allein. „Was du auch befiehlst, mein Führer, das ist wohl richtig so! Und ich werde dein Soldat, schon in vier Jahren!“ So oder so ähnlich habe ich wahrhaftig gequatscht – Schrecken und hilflose Freude in meinem 14-jährigen Gemüt.

Und draußen im Lande? Überall, besonders im Radio, Kriegsgeschrei, Begeisterung, Führergebrüll. Aber als Hitler um 21 Uhr vom Reichstag durch die verdunkelten Straßen Berlins zum menschenleeren Anhalter-Bahnhof fährt, zu seinem Sonderzug als künftiges „Führerhauptquartier“, stehen keine jubelnden Menschenmengen am Straßenrand. Und die ersten drei Wochen des 2. Weltkrieges gibt es trotz raschen Vormarsches unserer Truppen in Polen nirgendwo laute Jubelfeiern. Nur ich stecke mit großem Eifer täglich meine Frontverlauf-Kordeln und Fähnchen in die große Europakarten neben dem Radio, die von meiner Familie wenig beachtet wird. Wenn ich erst dabei bin, in vier Jahren, im Herbst 1943, dann wird sich das bestimmt ändern, rede ich mir ein...

Vom HJ-Führer zum Pazifisten

Rolf Stelljes

wurde 1925 in Verden/Aller geboren. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 war Stelljes 14 Jahre alt und HJ-Jungenschaftsführer.

Die letzten

Wochen im August erlebte er als sehr widerspruchsvoll. Sein Vater ernannte ihn zum „Luftschutzwart der Familie“, verantwortlich für die totale Ausräumung des Kellers und Herrichtung als Luftschutzkeller durch Wehrmacht-Pioniere. Dazu kamen persönliche Termine wie Herbstzeugnis mit Bestnoten, Lebensmittelkarten-Verteilung im Wohnbezirk, Mutproben im Schwimmverein mit Kopfsprung vom Sieben-Meter-Turm.

Aufgrund seiner

Kriegsfreiwilligen-Meldung zur Wehrmacht wurde er am 27. Oktober 1943 zur 263. Infanterie-Division in Oldenburg eingezogen und nach drei Wochen Kurzausbildung erst nach Minsk/Weißrussland und dann im April 1944 direkt an die Ostfront südlich Leningrad in die Hauptkampflinie versetzt. Am 18. August 1944 wurde er bei einem Granatenvolltreffer schwer verletzt.

Am Tag

der Kapitulation Hitler-Deutschlands am 8. Mai 1945 ging Stelljes in Kurland/Riga in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im November 1948 kam er als Schwerkriegsbeschädigter und Spätheimkehrer nach Hause und arbeitete einige Jahre als Groß- und Außenhandelskaufmann.

Nach einer

Journalisten-Lehre in Hamburg war er als Freier Wirtschaftsjournalist in Düsseldorf, Bonn, Hannover und Bremen bis Hude bei verschiedenen Zeitungen sowie bei einer Werbeagentur als Texter tätig. Seit 1978 lebt er in Hude. Bei der Friedensbewegung koordinierte er die Zusammenarbeit pazifistischer Organisationen mit kirchlichen Kreisen. Er engagiert sich in mehreren Ehrenämtern und schreibt an einem Buch.
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