HUDE - Was fasziniert Menschen an Katastrophen und Skandalen – diese Frage hat sich Petra Janssen gestellt. Als Leiterin des „Erzählcafés“, das in Zusammenarbeit zwischen der Diakonie-Sozialstation und der regioVHS veranstaltet wird, leitete sie am Mittwochnachmittag eine rege Diskussion zu diesem Thema an.
Auf ihr Kurzreferat bei Kaffee und Kuchen hatte sich Janssen lange vorbereitet: „Das Phänomen der Sensationslust beschäftigt mich schon eine Weile. Viele sehen sich Casting-Shows im Fernsehen an, obwohl sie die ganz schrecklich finden. Gewalt im Fernsehen übt ebenfalls eine Faszination aus. Mich interessiert, was ältere Menschen dazu zu sagen haben“, sagt Janssen.
Annemarie Pauloweit kann nicht verstehen, wieso Menschen bei Unfällen tatenlos am Straßenrand stehen, und oft sogar den Einsatz der Hilfskräfte behindern. „Ich habe meinen Sohn bei einem Unfall verloren. Ich hätte kein Interesse daran, so ein Unglück zu beobachten“, sagt die Rentnerin und schüttelt bekräftigend den Kopf.
Für diese Einstellung gibt es nach Ansicht Janssens neben persönlichen Erfahrungen auch eine allgemein-soziologische Erklärung. „Frühere Generationen wurden anders erzogen. Neugierde war nicht immer eine gute Eigenschaft. Auch haben viele ältere Menschen Krieg und Schrecken erlebt und finden es deswegen pietätlos, beim Leid anderer hinzusehen“, erklärt die Sozialwissenschaftlerin.
Die Beteiligung an der Diskussion ist rege. Die Teilnehmer bestätigen, dass eine gewisse Sensationslust zwar kein modernes Phänomen sei, aber in ihrer Generation weniger befürwortet würde. Zu intime Fragen würden von älteren Generationen als pietätlos empfunden.
