HUDE - Blutige Nonnenmorde, Mönche auf Abwegen, ein Schiffsunglück im Sturm, akrobatische Wortverdreher und Klischees über Niederländer: Mit einem wahren Funkenschlag wurde am Dienstagabend im Huder Klosterbezirk das Erzählfestival Nordwest „Mundwerk“ eröffnet. Mehr als 100 Besucher ließen sich die frechen, witzigen, traurigen und vor allem schaurigen Geschichten der acht Erzählerinnen und Erzähler nicht entgehen.

Die meisten Lacher des Abends ernete Wortakrobat Markus Jeroch aus Berlin, der in einem Staccato von Wortbeiträgen einfach ein paar Buchstaben unterschlug oder sie an eine andere Stelle wandern ließ. Gut dosierte Ironie paarte sich mit Groteskem, als der Wuschelkopf – die staubigen Haare raufend – Sprache förmlich zelebrierte. Wer hätte gedacht, dass „Mama“ in der Kindersprache „Mach mal!“ bedeutet oder dass mit dem Wort „Papa“ der Steppke seine Trotzkraft („pah!“) in doppelter Form entdeckt?

Doch nicht nur im Kopf sollten an diesem Abend die Besucher bewegt werden, sondern auch in den Beinen, wie Ludger Fischer, Koordinator des Erzählfestivals, in seiner Begrüßung feststellte. In Gruppen aufgeteilt, wurde das Publikum von den Erzählerinnen und Erzählern an vier Orten auf dem Klostergelände erwartet.

Dunkel und schaurig wurde es im Kaminraum der Klosterschänke. Mit fesselnder Stimme nahm Mathias Illing vom Duo „Audiocouch“ die Zuhörer mit auf sein „Gespensterschiff“ und entführte sie in eine Welt rauhbeiniger Kapitäne und brutaler Matrosenmorde. Den Sturm, das Knarren der Türen und das Brechen der monströsen Wellen aus den Lautsprechern (Ton: Jan Barahona Munoz) ließ die in die Geschichte völlig vertieften Zuhörer regelrecht aufschrecken. „Eine schöne Stimme“ bescheinigten Besucherinnen dem Erzähler. Besonders angetan waren sie von den akustischen Perspektivwechseln und den eingestreuten Klanggebilden.

Ebenfalls blutrünstig ging es bei Helga Bürster aus Dötlingen und Julia Klein (Bremen) im Klostersaal zu. So erlebten die Zuhörer einen schaurigen Nonnenmord in Bremen mit und eine romantische Geschichte von einer jungen Frau und einem Mann, die ihre Liebe verstecken müssen. Ausdrucksstark erweckten die beiden Erzählerinnen mutige und ängstliche Figuren zum Leben.

Nach schaurig-schönen Geschichten gab es in der Klosterremise Zeit, sich zu entspannen. Singend am Akkordeon empfing Susanne Schrenk die Zuhörer. Bei stimmungsvollen Seemannsliedern lud sie das Publikum zum Mitsingen und Schunkeln ein. Und Raymond den Boestert klärte die Zuhörer in niederländischem Akzent darüber auf, wie seine Landsmänner und Landsfrauen ihren Urlaub verbringen – natürlich im Wohnwagen.

Als „Engelchen“ und „Teufelchen“ begrüßten Petra Sechting und Christoph Meyer die Zuhörer im Kreativzentrum. Sie sponnen ein bitterböses Märchen um den Niedergang des Huder Klosters. Im Zwiegespräch erzählten von sittenwidrig handelnden Mönchen, die das Engelchen wieder auf den richtigen Weg bringen wollte. Doch vergebens: Am Ende war es nicht der Bischof, sondern das Teufelchen, das das Kloster in eine Ruine verwandelte. „Das war heute ein einmaliger Auftritt zum Auftakt des Erzählfestivals, extra abgestimmt auf diesen Ort“, sagten Christoph Meyer und Petra Sechting. Zum Abschluss der Veranstaltung luden sie alle Besucher zu einem nächtlichen Rundgang mit Fackeln durch die Ruine ein. „Einmalig“ war auch das Gesamturteil der Zuhörer: „Das macht Appetit auf mehr.“

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