HUDE - Mancher sitzt bestimmt unschuldig im Gefängnis. Doch die meisten haben wirklich Schreckliches getan. Aber dennoch: Die Todesstrafe ist ein Unrecht. In Bernd Lübbehüsens Stimme schwingt nicht ein Hauch von Zweifel mit. Das ist ein reiner Akt der Rache. Seit mehr als 35 Jahren engagiert sich der heute 69-jährige Ganderkeseer bei Amnesty International gegen die Todesstrafe.
An diesem Sonnabend genau vor 63 Jahren hatten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Paris verkündet erinnert Lübbehüsen zusammen mit seinen Kolleginnen Hilde Kipp und Christel Bokemeyer aus Hude und Monika Tierbach aus Stenum daran, dass die Todesstrafe noch immer nicht überall abgeschafft ist. In Delmenhorst werden sie durch die Fußgängerzone gehen, ein Transparent hochhalten und Flyer verteilen.
Doch nicht nur an diesem internationalen Gedenktag engagieren sich die Amnesty-Mitglieder. Regelmäßig schreiben sie Briefe an Verurteilte, die im Gefängnis von Livingston/Texas in einer der Todeszellen sitzen. Angefangen hatte alles mit einer Weihnachtskartenaktion vor sieben, acht Jahren, erinnert Monika Thierbach sich. Alle Häftlinge im Todestrakt von Texas bekommen von Amnesty-Mitgliedern Jahr für Jahr zu Weihnachten eine Karte. In mehreren Fällen hatten sich die Gefangenen daraufhin bedankt. Und mit einigen entwickelte sich dann sogar einige regelmäßige Korrespondenz.
Warten auf Hinrichtung
Die Gefangenen haben oft keinen Kontakt mehr zu Familie und Freunden, berichtet Monika Thierbach, und Hilde Kipp ergänzt: Sie sind den ganzen Tag alleine in ihrer zwei mal drei Meter kleinen Zelle, selbst wenn sie Hofgang haben, sind sie ganz alleine auf dem Hof. Sie warten alleine auf die Hinrichtung, hoffen alleine auf eine Aufhebung.
Die meisten der Verurteilten warten und hoffen sehr, sehr lange. Will, der Briefkontakt von Monika Thierbach, sitzt bereits seit zehn Jahren in der Todeszelle. Meistens sprühen seine Briefe vor guter Laune, und er malt ein Dutzend Smileys auf die Briefe. Aber manchmal erzählt er, dass er wieder in ein ganz tiefes Loch gefallen sei. Er schreibt auch von unerträglicher Hitze im Sommer, von eisiger Kälte im Winter, von schlechtem Essen oder konfiszierten Radios. Weswegen Will dazu verurteilt wurde, hat Monika Thierbach im Internet recherchiert. Nein, er war wohl kein guter Mensch.
Thomas heißt einer der regelmäßigen Briefkontakte von Hilde Kipp. Er bittet sie immer wieder um Geld. Er will sich den besten Anwalt leisten, damit dieser seine Unschuld beweist. Ob er wirklich unschuldig ist, kann Hilde Kipp nicht einschätzen, sie kann ihn auch nicht finanziell unterstützt. So ein Wiederaufnahmeverfahren kostet Zehntausende von Dollar, weiß sie. Das kann einer alleine nicht leisten. Doch darum geht es ihnen auch nicht. Als Privatpersonen pflegen sie hingegen private Korrespondenz.
Die beiden Frauen schreiben in ihren Briefen unter anderem von Reisen, Büchern oder Musik. Klar, manchmal frage ich mich schon, wie das bei ihnen ankommt, sagt Monika Thierbach und klingt etwas hilflos. Doch die Antworten sind oft sehr gebildet, berichtet Hilde Kipp. Sie erinnern sich an die Urlaubsorte, besorgen sich die Bücher in der Bibliothek, hören sich diese Lieder im Radio an.
Brief zurück an Sender
Manchmal kommt aber auch keine Antwort. Diese Erfahrung musste Bernd Lübbehüsen machen. Stattdessen kam sein eigener Brief zurück: Return to Sender. Zusammen haben sie dann im Internet nachgeforscht. Die Adresse war nicht falsch geschrieben. Und verlegt worden war der Gefangene auch nicht. Michael Perry war tot, hingerichtet mit einer Giftspritze. In seinen Briefen hatte er immer so zuversichtlich geklungen, dass sein Todesurteil aufgehoben würde, erinnert sich Bernd Lübbehüsen. Aber man weiß nie, wie es wirklich steht. Vielleicht spielen sie auch sich selbst diese Zuverzicht nur vor.
Er wird weiter schreiben genauso wie die anderen. Bereits am Montag werden die vier Amnesty-Mitglieder wieder ihre Weihnachtskarten abschicken. Und vielleicht wird wieder jemand antworten.
