Hamburg - Wir müssen uns Shawn Knowles-Carter, besser bekannt als Jay Z, als einen glücklichen Menschen vor-stellen. Der einfluss- und er-folgreiche Rapper hat 50 Millionen Alben verkauft, für seine Musik 17 Grammy-Awards erhalten. Er besitzt eine eigene Kleidermarke, ihm gehören Teile eines Basketball-Vereins, und er ist mit der ebenfalls megaerfolgreichen und natürlich wunderhübschen Beyoncé verheiratet. Was möchte Jay Z noch erreichen? Vielleicht ein perfektes Konzert abliefern – wie am Sonntagabend in Hamburg geschehen!
Sitzplätze überflüssig
Kurz nach 20 Uhr: Unter lautem Getöse betritt der 43-jährige New Yorker die Bühne. Er trägt ein unauffälliges schwarzes T-Shirt und natürlich die auffälligen, für viele Rapper unverzichtbaren, dicken Goldketten um den Hals – Szene- und Statussymbol zugleich. Doch dann: Der Beat startet, und für 26 Songs und für knapp 100 Minuten sind die Sitzplätze überflüssig, die Menge tanzt, schwingt die Hände im Takt. Eine ähnliche Euphorie muss vorgeherrscht haben, als Elvis Presley damals seine Hüften kreisen ließ, die Stones 1965 „Satis-faction“ anstimmten.
Durch Jay Z wird Hip-Hop zum Massenspektakel, seine Songs sind Hymnen, seine Show ist Entertainment in Reinform. Und der millionenschwere Hip-Hop-Mogul arbeitet hart, dass sich dieser Eindruck auch manifestiert: Er wirkt sympathisch, nahbar – im Hip-Hop oftmals eine Seltenheit – und rappt mit atemraubender Geschmeidigkeit und Souveränität.
Ein Großteil der Songs des Abends stammt aus seinem aktuellen Album „Magna Carta… Holy Grail“. Sein Megahit „99 Problems“ wird verhältnismäßig früh abgefeuert. „Big Pimpin‘“, „Dirt Off Your Shoulder”, „No Church In The Wild“ – die Hits reißen nicht ab. Einige Songs werden manchmal nur zur Hälfte angespielt – so bleibt deren Energie erhalten.
Jay Zs Band mit dem Megaproduzenten Timbaland steht auf hohen Metallgerüsten, Videoaufnahmen, wie von Überwachungskameras, wer-den aufgezeichnet, zeigen die Musiker auf riesigen Lein-wänden: Die NSA lässt grüßen.
Apropos die Band: Während Produzent Timbaland einige seiner Songs anspielt und dabei eher ein bisschen verloren wirkt, zitiert der Rest der Band kurz Coldplays „Clocks“ – Jay Z rappt lässig Nicki Minajs „Beez In The Trap“ darüber – oder Metallicas „Enter Sandman“. Ein Flirt mit dem Stadionrock, in dem Jay Z natürlich längst angekommen ist. Zu Recht. Eine effekt- und dennoch sehr stilvolle Lichtshow unterstützt das Spektakel.
Charmante Seite
Dann kurz vor dem Zugabenteil das Undenkbare: Jay Z nimmt das Tempo raus, tritt in Interaktion mit seinem Publikum. Für eine Viertelstunde. Die Saallichter gehen an, er lässt Fans auf die Videoleinwand projizieren, zeigt sich von seiner charmanten Seite und macht ihnen Komplimente – dazwischen gibt er immer wieder kurze improvisierte Raps. Eigentlich hätte da das Konzert zum Erliegen kommen müssen – doch das Publikum jubelt. Eindeutig der herzlichste Teil der Show. Nur wenige Künstler können sich so eine Pause erlauben und verfügen über das nötige Charisma, so eine Aktion durchzuziehen. Jay Z macht das mit links, ohne dabei anbiedernd zu wirken.
Und dann die Zugabe: „Empire State Of Mind“ – Jay Zs Ode an seine Heimatstadt New York, „Izzo“ und das Alphaville-Cover „Forever Young“ – die knapp 10 000 Zuschauer liegen sich in den Armen. Ein Abend, von dem alle Anwesenden vermutlich noch ihren Enkeln erzählen werden.
