Oldenburg -  – 

Kannten Sie sich eigentlich schon vor dem Filmfest?

MachuraJa.

Aus Oldenburg? Oder ist die Filmbranche in Deutschland so klein, dass man sich zwangsläufig irgendwann begegnet?

MachuraSo skurril das klingt: Wir haben uns in Cannes kennengelernt. An der berühmten Bar, wo sich die deutschen Filmschaffenden immer treffen . . .

Schaap. . . im „Chez Adolphe“, wie man in Cannes so schön sagt . . .

Machura. . . und da sagt dann einer: Der ist aus Oldenburg, und der da auch, und auf einmal standen wir da mit vier, fünf Oldenburgern. Sobald man jemanden aus der Heimat trifft, hat man ja auch gleich eine Connection.

SchaapEs stellte sich heraus, dass Marcus hier auf der Graf-Anton-Günther-Schule war . . .

Machura. . . und ich dachte noch: Schaap, den Namen kennst Du doch . . .

Schaap. . . ja, meine Mutter war Marcus’ Englischlehrerin! (lacht) Die Filmwelt ist wirklich nicht so groß.

Sie sind nicht die einzigen Oldenburger, die im Filmgeschäft erfolgreich mitmischen. Da gibt es die Regisseure Sven Taddicken, Neele Leana Vollmar, Sebastian Schipper, Jan Krüger...

Schaap. . . ja, und auch viele Leute in anderen Positionen: Ich habe gerade einen Film gedreht, da hatte ich einen Kameraassistenten aus Oldenburg.

Wie kommt das? Was macht Oldenburg zur Filmstadt?

SchaapVielleicht ist es das Filmfest.

MachuraMir kommt da noch ein anderer Gedanke: Oldenburg steht für mich für ein offenes Großwerden, eine tolle Kindheit – vielleicht führt so etwas ja auch zu einer Freiheit bei der Berufswahl.

Vielleicht führt so etwas ja auch zu ganz besonderen Festivals: Oldenburg landete jüngst auf der Liste der „25 coolsten Filmfestivals der Welt“ des Fachblatts „Moviemaker“.

SchaapAls ich 2009 mit „Love Must Death“ nach Oldenburg eingeladen wurde und zum ersten Mal seit den 90ern wieder auf dem Festival war, war ich schon sehr beeindruckt. Das fing damit an, dass es damals dieses Festival-Flugzeug gab, mit dem wir von Berlin nach Oldenburg geflogen wurden – wie cool war das denn! Dann die Erbsensuppe bei Monse, die JVA-Screenings . . .

Machura. . . weltweit einmalig . . .

Schaap. . . das ist alles schon cool. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Festival in der eigenen Stadt und in Deutschland nicht das Ansehen hat, das es verdient. Wenn Du dann aber ins Ausland fährst, in die USA oder nach Cannes, dann klingelt es da sofort: Aha, Oldenburg – das coole Festival!

MachuraBei mir sind das auch so Kleinigkeiten. Du gehst irgendwo rein und wirst mit „Moin Moin“ begrüßt. Das höre ich sonst nur noch selten. Ich gehe selbst dann auch ganz anders auf Leute zu. Und wenn ich dann höre, wie Oldenburg bei der Eröffnungs-Gala von allen Leuten gelobt wird, dann bin ich immer total stolz.

Glauben Sie an den „Oldenburg-Bump“, von dem der Filmfest-Chef bei der Eröffnungsgala sprach: an den „Oldenburg-Schub“?

MachuraDas wird sich in den Wochen danach zeigen. Ich bin mit drei Filmen hier, auf ein bisschen Rückenwind hofft man immer.

SchaapFür mich hat das weniger einen kommerziellen Wert. Ich präsentiere meine Filme nicht nur dem Publikum, sondern auch den Leuten aus der Branche, mit denen ich vielleicht später mal arbeiten will. Man spricht mit denen, man lernt Produzenten kennen und Verleiher, die einen bei späteren Projekten begleiten können.

MachuraAuch wir beide sind viel näher zusammengerückt. Ich werde mir sehr gespannt die Sachen angucken, die Andy gerade fertigstellt.

Was macht einen guten deutschen Film aus?

SchaapEinen guten deutschen Film macht genau das gleiche aus wie einen guten internationalen Film. Für mich ist das Wichtigste, dass er eine gute Geschichte hat und gute Figuren. Was das Technische angeht, sprich: die Kamera, das Licht, die Musik, das sind alles wichtige Elemente, die dazukommen. Aber ich kann mir einen Film mit einer katastrophalen Kamera immer noch gut angucken, wenn er eine tolle Geschichte hat. Andersherum geht es nicht.

MachuraIm besten Fall bietet so ein Film auch zwei Stunden lang gute Unterhaltung. Idealerweise sind keine Handys am Start . . .

Schaap. . . und kein Popcorn . . .

Machura. . . und alle konzentrieren sich zwei Stunden lang auf die große Leinwand. Wann hat man das noch einmal: so ein Gemeinschaftserlebnis über zwei Stunden? Idealerweise löst der Film ja irgendetwas beim Publikum aus, dass alle gemeinsam betroffen oder getroffen sind.

SchaapWenn es gelingt, dass der Film Dinge aufgreift, die mich selbst beschäftigen, moralische Konflikte, ethische Fragen, wenn ich das mit aus dem Kino rausnehmen kann, dann ist das ein guter Film.

Sie sind in diesem Jahr Teil der Kurzfilm-Jury. Was macht einen guten Kurzfilm aus?

SchaapEin guter Kurzfilm hat wie ein guter Langfilm eine gute Geschichte und eine Figur, die ich spannend finde. Am allerwichtigsten ist aber, dass am Ende eine Pointe steht. Ein guter Kurzfilm ist für mich wie ein guter Witz. Aber eigentlich ist ein Kurzfilm für einen Filmemacher wie eine Visitenkarte. Wenn jemand etwas kann, dann sieht man das im Kurzfilm-

Waren solche Kurzfilme schon dabei im Wettbewerbsprogramm?

MachuraDazu äußern wir uns am Ende des Festivals.

Was sollten Filmfestbesucher die nächsten zwei Tage auf keinen Fall verpassen?

SchaapWenn man die Chance hat auf so eine JVA-Screening – unbedingt nutzen!

MachuraIch freue mich, wenn jeder internationale Gast einmal durch die Oldenburger Fußgängerzone geht, kurz vorm Schloss stehen bleibt – und das auf sich wirken lässt.

SchaapEin amerikanischer Regisseur, mit dem ich gestern gesprochen habe, meinte: Die Nordsee ist nicht weit von hier. Der will unbedingt einmal das Wattenmeer sehen und sucht seit Tagen einen Fahrer. Ansonsten kann ich jedem nur raten: so viele Filme wie möglich gucken! 90 Prozent des Festivalprogramm sind echt der Hammer.

Was wollen Sie persönlich auf keinen Fall verpassen?

SchaapDie JVA. Und Partys stehen bei mir auch ganz weit oben. (lacht)

MachuraDie Abschluss-Gala im Staatstheater. Das ist zwar unser Film, der da läuft, aber da wäre ich sonst auch auf jeden Fall hingegangen. Und ich will den Eröffnungsfilm „Jack“ noch einmal in der JVA sehen. Ich will unbedingt sehen, wie die Reaktion darauf ist. So ein Film über einen Mörder gibt viel Anlass für Gespräch, gerade auch in dem Umfeld.