Bremen - Zuletzt hat André Erkau den Münsteraner „Tatort“ mit dem Titel „Schwanensee“ inszeniert, mit 13,69 Millionen Zuschauern die meistgesehene Fernsehsendung 2015. Nach „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ dreht der 47-Jährige wieder mit Wotan Wilke Möhring. Erfolgsautor Gernot Gricksch liefert wieder die Vorlage. „Happy Burnout“ ist der Arbeitstitel.

„Aufwändig, atmosphärisch, aufregend“ – so schildert der 47-Jährige den Drehauftakt beim Plaudern an der Bremer Schlachte. Eine Elbtunnelröhre musste gesperrt werden. Ein gestresster Sonnenstudiobesitzer – gespielt von Michael Wittenborn – hält mitten in der Fahrt inne, lässt den Wagen im Elbtunnel stehen und geht zu Fuß weiter.

Nächste Station: eine Klinik irgendwo im Norddeutschen. Dort wird Wittenborn dann auch den Burnout-Vortäuscher Wotan Wilke Möhring treffen. Der Alt-Punk will seine Hartz IV-Bezüge nicht verlieren und spielt den Kranken.

Derzeit ist Erkau zusammen mit Autor Gricksch im Dialog-Feinschliff, bereitet die nächsten Drehtage im Frühjahr vor. „Nach so einem Auftakt ist einem bewusst, es geht um was!“ sagt der Regie-Spätzünder und strahlt. Das Budget ist seit dem letzten Kinofilm gewachsen. Diesmal ist Warner Brothers mit im Boot.

Erkau steht am liebsten mitten im Set. Gerade so, dass ihn die Kamera nicht ins Bild bringt. „Die Bälle in der Luft behalten“, nennt er das. Der berühmte Regiestuhl, irgendwo am Szenenrand, mit Headset und Kontroll-Monitor, das ist nichts für ihn. Nicht mehr. In seinem ersten Spielfilm „Selbstgespräche“ von 2008, der im Call-Center spielt, hatte sich Erkau noch für einen laborartigen Raum entschieden. „Man packt da Menschen rein, erhöht den Arbeitsdruck, entzieht ihnen Liebe – und was passiert dann? Wie verändern sich Menschen, wie reagieren die?“

Da spricht der ehemalige Psychologie-Student. „Dabei hatte ich damals ein romantisches Bild von der Psychologie. Ich dachte: Mich interessieren Menschen und die Fragen: Wer sind wir? Und was ist hinter dem, was wir vorgeben zu sein?“ Als ein Psychologie-Professor dann einen Menschen als Dose an die Tafel gemalt hat, war Erkau raus. Beim Theaterregisseur András Fricsay schnupperte er Bremer Theaterluft. Regieassistenz machte Spaß, selbst als Schauspieler im Rampenlicht zu stehen, war verlockender.

Erkau absolvierte seine Ausbildung zum Schauspieler in Hamburg, war mit der Württembergischen Landesbühne Esslingen auf Tour, um dann doch wieder – mit Anfang 30 – zur Regie „zurückzukommen“. Er ging an die Kunsthochschule für Medien nach Köln und schloss sein Regiestudium mit Auszeichnung ab. Seine Diplomarbeit war ein Kurzfilm: „37 ohne Zwiebeln“. Die Geschichte eines gestressten Managers gewann 21 Preise und war einer der erfolgreichsten Kurzfilme des Jahres 2006. „Ich war damals gerade Vater geworden und hatte damals auch immer das Gefühl, nicht alles zu schaffen, immer irgendwie hinterherzuhängen.“

Auch der Sprung zum Spielfilm glückte: Die Callcenter-Komödie „Selbstgespräche“ gewann den Max Ophüls Preis. Erkau hatte selbst im Callcenter gejobbt, konnte die Gefühle derjenigen, die pausenlos reden und doch wenig sagen, gut in Szene setzen.

Mit dem Durchbruch dauerte es noch. Als Erkaus Tochter zur Welt kam, war kein Geld für die Krippe da. Erkaus Frau verdiente den Lebensunterhalt allein. Erkau musste auch viel reisen. Familie ist der große Halt in seinem Leben. Er hält bis heute Kontakt zu Freunden aus der Studienzeit, arbeitet immer wieder gern mit den Produzenten zusammen, die ihn bei seinen ersten Filmen unterstützt haben.

Berührt ist Erkau, wenn es um die existenziellen Themen geht. Denn: „Krisen umgeben uns immer – auch in hellen Momenten“. „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ beginnt mit einer Beerdigung. Markus Färber (Wotan Wilke Möhring) hat seine Frau durch einen Unfall verloren, muss sich nun allein um die 15-Jährige Tochter kümmern und als wäre das noch nicht genug, erfährt Färbers Mutter, dass sie Krebs hat.

Tod und Vergänglichkeit, Lebensträume, die verblassen – all das spielt in Erkaus Filmen oft auf mehreren Ebenen. So mancher seiner Figuren weht eine steife norddeutsche Brise ins Gesicht (wie bei der Kühlkostkomödie „Arschkalt“), doch der Regisseur bringt Leichtigkeit ins Schwere. Er liebt seine Figuren und gibt Ihnen und seinen Zuschauern Hoffnung. „Die Hoffnung ist zentral. Das ist keine Attitüde, sondern eine Überlebensstrategie.“

Glamour liegt ihm nicht. André „Aircow“ Erkau hat als Jugendlicher von fliegenden Kühen auf Kakaoflaschen geträumt. Seine erste Firma sollte Aircow Kakao und Ko KG heißen. Fliegende Kühe – so etwas gibt es nur in Norddeutschland. Oder im Kino.

Autorin ist Nicole Ritterbusch. Die Redakteurin arbeitet als Teamleiterin im Nordwestradio. Die leidenschaftliche Kinogängerin berichtet regelmäßig von der Berlinale.