Dresden - Das Europa der Völker wird immer völkerreicher. Das Volk an sich ist komplex, wer will schon nicht dazugehören – die Frage ist nur zu was und zu wem. Nicht jeder kommt damit klar. (Auch wenn nicht jeder zur Axt oder Schusswaffe greift.) Das permanente Volksempfinden, nicht ausreichend gehört zu werden, ergreift die Oberhand über die Lust, ab und zu auch mal zuzuhören. Wer Antworten auf Fragen nicht verstehen will, wird eben nicht unbedingt belogen.
Es ist was faul mit der Losung: Wir sind das Volk. Als ob nur, weil jemand Volk ist, sich immer im Recht befindet. Nehmen wir nur die Türkei: Da gibt es ein der Regierung zujubelndes Volk, ein diese Regierung am liebsten wegputschendes Volk, den klügeren Rest, der beides ziemlich demokratiefeindlich und blöd findet, und das kurdische Volk, das wir da jetzt auch noch einsortieren müssten.
Bei genauerer Betrachtung finden wir noch mehr Völker. In Sachsen zum Beispiel lebt neben Ausländern (aus sehr verschiedenen Ländern) und Menschen mit Migrationshintergrund das Volk der Sorben, die dennoch Deutsche sind.
Der Satz „Wir sind das Volk“ wird häufiger gerufen, wo früher DDR-Volk lebte. Am Anfang – das war bei den ersten Demonstrationen in Leipzig 1989 – meinte dieser Satz: Wir sind AUCH das Volk. Nicht nur die Polizisten, Regierenden und Staatsvertreter, wir haben auch ein Recht darauf, gehört und gesehen zu werden.
Wird die Losung zu selbstgerecht zelebriert, gerät sie zu: Nur wir sind das Volk. Wir wissen es besser, dass immer etwas faul ist im Staate Dänemark, egal wie der heißt. Natürlich sind die schönsten Streckennetze für die Zukunft wenig wert, wenn nicht brauchbare Schienen vorhanden sind. Aber es ist auch klar: Es sind nie genügend Ressourcen vorhanden. Die repräsentative Demokratie ist ein – im guten Fall – um Verbesserung in Permanenz bemühtes Provisorium.
Diese gewisse Europaverbitterung – bei dem einen wegen zu wenig Initiative aus Brüssel, bei dem anderen wegen zu viel Europa, zu viel Regulierungswillen aus Brüssel. Volk separiert sich gern zur Vorteilsgewinnung von anderem Volk – die Engländer mehrheitlich von Europa. Die Schotten von den Engländern. Und die Nordiren von Irland oder Großbritannien – da stecken schon zwei politische Völker in dem kleinen nordirischen Volk. Bei den Walisern überwiegen britische die europäischen Gefühle – bei noch mehr Fußballerfolg als bei dieser Europameisterschaft könnte sich das ändern.
Ganz im Osten Europas (wenn auch nicht der EU) gibt es das Eurovisions-Volk – Aserbaidschan, Ukraine, Kasachstan, Georgien und natürlich Russland. Sogar Australien ließ sich in dieses Musik-Europa-Volk aufnehmen und wurde für so viel Europafreundlichkeit gleich mit einem Spitzenplatz belohnt.
Wie viele Völker schlummern in dem einen, wenn plötzlich die Alten gegen die Jungen abstimmen, die Briten auf dem Kontinent gegen die, die nie näher an Europa herankamen als auf die Kanalinsel. Wer ist DAS Volk, wenn die Hälfte dafür und die andere dagegen ist…?
Wenn einem Mitglied der AfD bei der Nachricht vom Sieg der Brexit-Befürworter vor Glück die Tränen kommen, widerspricht es den eigenen von der Partei gepflegten Ängsten, dass Deutschland zu viel zahle. Müsste das beim „Out“ für Großbritannien nicht noch mehr werden?
Das macht auch Hoffnung. Denn Populisten in England oder Polen haben ganz andere ökonomische Interessen, die in den Niederlanden mit denen in Ungarn nicht viel gemeinsam.
Die Vereinigte Gegen-EU in der EU funktioniert nicht. Die Populisten behindern sich mit ihren Egoismen und hoffen klammheimlich, dass sich gar nichts ändert. Damit man seine Feindbilder behalten kann als ein vertrautes Requisit aus dem Europa der Missmutigen.
Und wer in Großbritannien schimpft, weil die eigene Regierung nicht Hals über Kopf alle Bindungen zur EU kappt, sollte als warnendes Beispiel den Fußball vor Augen haben: dort ist Great Britain längst in vier Staaten zerlegt worden.
Und was hat das für England gebracht?
