Im Norden -
Die Radiomeldung am Morgen des 9. Dezember 1980 wäre in der Schulvorbereitung des 14-jährigen Gymnasiasten fast untergegangen:
„John Lennon, Mitglied der weltberühmten Beatles, ist vor wenigen Stunden in New York erschossen worden. Die Bluttat ereignete sich wenige Augenblicke, nachdem der 40-Jährige und seine Frau Yoko Ono nach Studioaufnahmen mit dem Wagen vor dem luxuriösen Dakota-Appartementhaus vorgefahren waren. Um 23.07 Uhr Ortszeit ist Lennon im Krankenhaus seinen Schussverletzungen erlegen.“
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder zu sprechen, suchte der junge Fan in seinem Zimmer Lennons neue Schallplatte „Double Fantasy“ heraus, die er erst am Vortag im Elektrofachgeschäft der Kleinstadt gekauft hatte. Im Moment seiner Trauer wollte er etwas von John Lennon in der Hand halten, ihn nicht loslassen.
Our life together is so pre-cious together (...) Although our love is still special – Let’s take a chance and fly away somewhere alone.
(übersetzt: Unser gemeinsames Leben ist so wertvoll (...) Unsere Liebe ist immer noch besonders – Lass’ uns das Risiko eingehen und allein irgendwo hinfliegen.)
Mit drei feinen Glockenschlägen und diesen ersten Worten hatte sich John Lennon am 24. Oktober 1980 im Musikgeschäft zurückgemeldet. „(Just Like) Starting Over“ war die erste Single nach seinem fünf Jahre währenden Rückzug ins Privatleben. Diese „Elvis-Orbison-Nummer“, wie er selbst befand, war aus mehreren unvollendeten Kompositionen zu einem Rock’n’Roll-Stück montiert. Der Single-Auskopplung folgte am 17. November das mit Spannung erwartete Album „Double Fantasy“, in dem Lennon und seine Frau Yoko Ono gleichberechtigt jeweils sieben Titel beisteuerten – egal, ob der Beatles-Fan es gut fand oder nicht.
Genug vom Nichtstun
John Lennons 40. Todestag bringt einige Neuveröffentlichungen mit sich. Zum 80. Geburtstag am 9. Oktober 2020 kam „Gimme Some Truth“ heraus. Das Album ist nicht identisch mit der Kompilations-Box „Gimme Some Truth“ von 2010.
Mit dem Jahr 1980 und den Ereignissen rund um den 8. Dezember beschäftigt sich Kenneth Womack in seinem Buch „John Lennon 1980 – The last days in the life“ (in englischer Sprache/2020, Omnibus Press; 15 Pfund). Autorin Lesley-Ann Jones schaut in „John Lennon – Genie und Rebell“ (2020, Piper; 496 Seiten, 25 Euro) auf Fakten und Mythen rund um Leben und Tod des Musikers. Ein Tipp für den Fan, der scheinbar alles weiß.
John Lennon hatte also genug vom Dasein als musikalischer Frührentner, vom Brotbacken und Kindererziehen. Dieses fulminante Lebenszeichen dokumentierte neue Kreativität und frischen Schwung, und es weckte beim jugendlichen Fan die große Sehnsucht auf neue Alben und die Wiedervereinigung der Beatles eines fernen Tages. Mitte November hatte sich Lennon mit Ringo Starr im Plaza Hotel getroffen, wo er „seinem Schlagzeuger“ eine Musikkassette mit vier Liedern überreichte.
Das Songmaterial für „Double Fantasy“ – und dem nach seinem Tod 1984 veröffentlichten Album „Milk and Honey“ – entsprach dem Mainstream: eingängige Stücke, gute Arrangements, lebensbejahende Texte voller Zuneigung für seine Frau und den gemeinsamen Sohn Sean, zu hören in „Woman“, „Dear Yoko“ oder „Beautiful Boy“. Sogar von einer Tournee mit den Studiomusikern war die Rede. Sie sollte unter dem Titel „One World, One People“ im Mai 1981 in Japan beginnen, gefolgt von Europa und den USA.
Wahnsinniger Täter
Doch dazu kam es bekanntlich nicht mehr. Der wahnsinnige Täter, der es nicht wert ist, mit Namen genannt zu werden, brachte am 8. Dezember 1980 spätabends nicht nur die Stimme der Beatles, sondern einer Generation zum Schweigen.
