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NWZonline.de Nachrichten Kultur

In 80 Minuten durchs Leben

18.10.2011

OLDENBURG Ungekürzt würde die Aufführung von Johann Wolfgang von Goethes Tragödie „Faust I“ etwa neun Stunden dauern. Der Klassiker aller Klassiker über die Frage aller Fragen, was die Welt denn nun im Innersten zusammenhält, hat Regisseur Michael Uhl für das Niederdeutsche Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater auf das Wesentliche reduziert. In nicht einmal 80 Minuten setzt er das Stück im Kleinen Haus so konzentriert in Szene, dass das Premierenpublikum am Ende erst einmal tief Luft holen muss, um anschließend frenetisch Beifall zu spenden – und das mit Recht.

Teuflischer Pakt

Dr. Heinrich Faust ist in der Regiefassung von Michael Uhl ein Landarzt irgendwo in der Provinz. Zwischen Urin- und Spermaproben philosophiert er über den Sinn des Lebens. Was macht glücklich – Arbeit, Liebe, Geld? Muss es im Leben immer schneller, höher, weiter gehen? Rainer Behrends, Spielleiter am Niederdeutschen Theater Neuenburg, geht in der Rolle des mit sich und der Welt hadernden, des ewig suchenden, verzweifelt liebenden Menschen ganz und gar auf.

In dieser Sinn- und Lebenskrise hat Mephisto mit Faust ein leichtes Spiel. Die Rolle ist mit Annie Heger teuflisch gut besetzt. Sie rockt die Bühne und versprüht wortgewandt eine unbändige, ansteckende Spielfreude. Der Teufel spricht plattdeutsch, die Sprache des verlorenen Paradieses. Mephisto verspricht Faust das Paradies auf Erden, bespiegelt wird der Pakt bekanntlich mit Blut, diesem fiekelinschen (besonderen) Lebenssaft. Fausts äußerliche Verwandlung zum jungen Kerl ist Zauberei von professioneller Hand, die innere Wandlung vollzieht sich sprachlich vom Hochdeutschen zum Plattdeutschen.

Aber ganz geht Mephistos Rechnung, Faust die Doktorgrillen (schweren Gedanken) auszutreiben, nicht auf. Denn während die Börse im Aktienfieber in Auerbachs Schüün (Scheune) feiert, begegnet er Margarete, gespielt von Juliana Maack, und glaubt sich am Ziel seiner Träume nach Glück und Geborgenheit.

Schlag auf Schlag

Die erst 17-Jährige ist ein Glücksfall für die Bühne. Als Heranwachsende unserer Zeit vermittelt sie überzeugend das Chaos ihrer Gefühle für Faust und ihre Verzweiflung über die teuflischen Verstrickungen. Als intrigante Nachbarin Marthe, die sich von Mephisto umgarnen und einspannen lässt, überzeugt Birgit Heim. Eine Klasse für sich ist der Sprecherchor mit Tobias Scholz, Clemens Larisch, Finn Lakeberg, Nina Walkenhorst, Annika Printz und Daria Eggers. Er setzt in einer Inszenierung, in der es Schlag auf Schlag geht, besondere Akzente.

Michael Uhls „Faust“ ist das pralle Leben, verkürzt auf das Wesentliche, ohne wesentliches wegzulassen. Das ist eine reife Leistung.

 @ Alle NWZ -Kritiken finden Sie unter: http://www.NWZonline.de/theater

Lore Timme-Hänsel
Redakteurin
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2065

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