Hoya - Diese Revolution ging von Mainz aus. Der um 1400 in der Stadt am Rhein geborene Johannes Gutenberg gilt als Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Zwar sind die Anfänge dieser Kulturtechnik in Ostasien, Babylon und Rom zu finden, doch erst dem Forscher und Tüftler gelangen die entscheidenden Schritte zur Weiterentwicklung und schließlich zur Massentauglichkeit. Er optimierte die Techniken der Herstellung, des Setzens und Einfärbens der Lettern und den Druckvorgang mittels der nach ihm benannten Gutenbergpresse.

Um 1450 waren seine Experimente so weit fortgeschritten, dass er mit dem Satz und Druck von Einblattdrucken und Büchern beginnen konnte. Die frühen Drucke, die Gutenberg zugeordnet werden, lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: zum einen Kleindrucke wie Ablassbriefe, Wörterbücher, Kurzgrammatiken und Kalender, die mit der ­Donat-Kalender-Type gesetzt wurden, zum anderen die Vervielfältigung der lateinischen Bibel (Gutenberg-Bibel).

Die Entwicklungen Gutenbergs setzten die dritte Stufe der Kommunikationsspirale – nach Ausbildung der Sprache und Erfindung komplexer Schriftsysteme. Ab sofort konnten Druckerzeugnisse schneller und in viel größeren Mengen hergestellt werden. Die „schwarze Kunst“ wurde zunächst in Europa etabliert, von dort breitete sie sich weltweit aus. Erst 2018 wurde die traditionelle Drucktechnik von der deutschen UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Was seit Jahrhunderten alltagstauglich ist, wird nun ins digitale Zeitalter überführt. Allerdings zeigen Studien, dass immer weniger Menschen in ihrer Freizeit ein gedrucktes Buch lesen, täglich eine Zeitung auf Papier kaufen, geschweige denn ahnen, was bei einem Druckprozess vor sich geht.

Sylke und Michael Linke aus der Grafschaft Hoya im Kreis Nienburg/Weser sind schon lange vom Druck-Virus befallen und als Missionare sind im Auftrag der schwarzen Kunst unterwegs. Die ehemaligen Lehrer machten ihre Sammlung in einem privaten Museum 20 Jahre lang der Öffentlichkeit zugänglich und übereigneten dann ihre Schätze der Stadt Hoya. Eine ehemalige Molkerei beherbergt inzwischen die schmucke Museumsdruckerei, die dank der vielfältigen Aktivitäten und Projekte von jungen und alten Menschen bevölkert wird.

Dabei begann es vergleichsweise harmlos: 1993 beschloss Michael Linke, seines Zeichens Grundschullehrer in Wechold, mit seinen Schülerinnen und Schülern eine Zeitung zu drucken. Als Michael und Sylke Linke Ende der 1990er das alte Pfarrhaus in Hoya erwarben, stand ihnen plötzlich viel Platz zur Verfügung und dann gab es kein Halten mehr: Der pensionierte Pädagoge und Sohn einer Schreibmaschinenlehrerin tingelte durch ganz Deutschland, um alte Druckereien auszuräumen und erlernte das Drucken autodidaktisch, von der Gattin geduldig unterstützt.

Anfang der 2000er gründeten Michael und Sylke Linke den Birnbaum-Verlag. Im englischen York lernte Michael bei Robert D. DeLittle, einem der letzten seiner Zunft, das Fräsen von Holzlettern auf alten Pantografenmaschinen.

„Drucken ist für Menschen aller Altersstufen eine Bereicherung“, sagt der 78-jährige Michael Linke, der sich immer freut, wenn regelmäßig Schulklassen auf seinem „typografischen Abenteuerspielplatz“ aktiv sind. Sie halten Lettern aus Metall oder Holz in den Händen und hören zum ersten Mal von typischen Begriffen der Drucker und Setzer wie Zwiebelfisch, Klischee und Mater aus der Zeit des Bleisatzes. Die Einführung des Foto- oder Lichtsatzes veränderte die Branche radikal. Eine Linotype-Maschine erinnert an die gute alte Druckerzeit, wird aber auch regelmäßig genutzt.

Das Inventar samt Gutenbergpresse, Kniehebelpresse, Schnellpresse „Korrex“, mit Geräten der Marken „Aichele & Bachmann Berlin“, „Golding Jobber“ von 1909 wird von den Linkes und ihren Mitstreitern, „den Jüngern der schwarzen Kunst“, gepflegt und gewartet. Im November 2020 – zur schlimmsten Corona-Zeit – wurde der Verein „Museumsdruckerei Hoya – Zwiebelfisch“ gegründet. Seit 2022 stehen nunmehr Druckpressen, Farbregale, Papierlager und Wände aus Schriftregalen dort, wo einst die Milch der Kühe aus der Region verarbeitet wurde.

Ein Buchprojekt ist aktuell Michael Linkes ganzer Stolz. Die Klasse 7d der Marion-Blumenthal-Oberschule Hoya um Lehrerin Karolin Greis gestaltete seit Herbst 2022 ein Bilderbuch über das Leben ihrer 1934 in Hoya geborenen Namensgeberin, deren jüdische Familie 1938 Deutschland verlassen wollte, aber in die Fänge der Nazis geriet. Sie überstand das KZ Bergen-Belsen nur knapp und lebt seither in New York. „Marions Kieselsteine“ ist der Titel des inzwischen gedruckten Buches.

Natürlich trägt der Lehrer-Beruf zum ungebrochenen, missionarischen Eifer der Linkes in der Arbeit mit Schulklassen und Gruppen aller Altersstufen bei. „Es gibt bei uns zehn Arbeitsplätze für Schülerinnen und Schüler; einer davon ist rollstuhlgerecht“, sagt Michael Linke. „Jeder Platz ist ausgestattet mit mehreren Schriftsätzen in unterschiedlichen Größen und Schriftarten. Es steht ausreichend Setzmaterial sowie Werkzeug zur Anfertigung von Linolschnitten zur Verfügung.“ Seine Museumsdruckerei kann nur überleben, wenn sie von jungen Menschen belebt wird. „Genauigkeit und Geduld sind beim Setzen und Drucken enorm wichtig. Und das Beschäftigen mit den Buchstaben-Lettern fördert die Rechtschreibung.“

Kontakt

Die Museumsdruckerei Hoya ist vor der Sommerpause (31. Juli bis 2. September) noch dreimal sonntags zwischen 15 und 18 Uhr zum Besuch geöffnet. Zusätzliche Termine sind nach telefonischer Vereinbarung möglich.

Die Adresse lautet: Alte Molkerei, Lindenallee 2, 27318 Hoya; Tel. 04255 - 465, Mail: info@museumsdruckerei-hoya.de

www.museumsdruckerei-hoya.de

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)