Friesoythe - „Ihr habt zwei Stunden Zeit, dann seid ihr hier verschwunden!“ Wer nicht sterben wollte, packte schnell ein paar Habseligkeiten und verschwand. Das war im Juni 1946. Peter Wiesner war gerade einmal zwei Jahre alt, als er mit seiner Mutter Herta aus seinem Geburtsort Würben in Niederschlesien vertrieben wurde. Nicht nur sie, alle Bewohner des 800-Seelen-Dorfes mussten ihre Heimat verlassen.
„Zu Fuß, auf Pferdewagen und später verladen in alten Viehwaggons ging es Richtung Westen“, sagt der 71-jährige Wiesner aus Altenoythe. Er selbst habe keine Erinnerung an diese Zeit, doch er habe sich später viel erzählen lassen. So habe es während der langen Reise kaum etwas zu Essen gegeben („Man freute sich über gekochte Kartoffelschalen.“) und die sanitären Verhältnisse seien unbeschreiblich gewesen.
Die Odyssee endete für Familie Wiesner am 17. Juni 1946 am Bahnhof in Friesoythe. Von dort wurden sie zum Hansaplatz geführt. „Die Situation war wirklich grotesk. An diesem Tag war Fronleichnam und die Straßen der völlig zerbombten Stadt waren deshalb mit Blumen geschmückt“, erzählt Wiesner. Die neuen Bürger aus Würben wurden dann auf Friesoythe, Altenoythe und die Nachbarorte verteilt. Wer trotz der schweren Kriegsschäden Wohnraum hatte, musste diesen mit den Neuankömmlingen teilen. Da sei es kein Wunder gewesen, dass nicht alle Einheimischen die Fremden mit offenen Armen empfingen, so der 71-Jährige. Doch sie seien überwiegend freundlich aufgenommen worden. „Meine Mutter und ich hatten ohnehin besonderes Glück“, sagt Wiesner. Sie kamen bei der Familie des Eisenbahners Gerd Thien an der Barßeler Straße unter. Die Familie erwies sich als sehr offen und gastfreundlich, und noch heute bestehen – mittlerweile in dritter Generation – freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien Steinemann-Thien und Wiesner.
Auch seine Großeltern, Fleischermeister Oskar Wiesner und Ehefrau Martha, waren bei der Familie des Kaufmanns Karl Boytinck an der Barßeler Straße „sehr gut untergebracht“. Sie durften sich sogar im Garten ein kleines Häuschen bauen und behielten dort Wohnrecht bis zum Lebensende 1957. „Dabei hat mein Opa bis zum Schluss geglaubt, dass sie wieder nach Würben zurückkehren würden.“
Wiesner besuchte Würben erstmals 1996. Begleitet wurde er unter anderem von seinem Onkel Gerd Wiesner, der sich noch gut an das Dorf erinnern konnte. So fanden sie auch das Geburtshaus von Peter Wiesner wieder. „Das war ein bewegendes Ereignis“, schildert er seine Eindrücke von der Reise in die Vergangenheit. Und die Gegenwart? „Jetzt wohne ich seit 69 Jahren in der Stadt Friesoythe. Hier ist meine Heimat.“
