Bremen - Die spinnen, die Engländer! Da ergötzen sie sich an patriotischer Musik, die ihr Land voller „Hope and Glory“ besingt. Da feiern sie sich als Macht, die alle Weltmeere beherrscht. Dabei ist die Welt längst umgekippt, und die Briten haben sich Beulen geholt. Aber sie betäuben sich jedes Jahr mit ihrer Psychodroge namens „Last Night of the Proms.“
Die spinnen, die Bremer! Da beschwören sie im Theater am Goetheplatz dieses legendäre Finale der Promenadenkonzerte in Bühnenbild und Musik. Die Bremer Philharmoniker unter Clemens Heil, alle in bunter Kleidung auf der Bühne, der Chor und die wie eine Fregatte durch die Musik pflügende Sopranistin Ulrike Mayer schmettern mit Inbrunst „Rule, Britannia!“ Die Ränge beben, die Flaggen wehen – und dann versenkt Christiane Pohle mit einem Schlag ihre ganze Inszenierung. Unter dem Titel „Pomp & Circumstance – Music for a Kingdom” hat sie Erwartungen geschürt. Die kann sie nicht erfüllen.
Der tödliche Volltreffer kommt nicht von einem Torpedo. Er kommt vom Dirigenten. Lautlos landet er ihn, in beredtem Schweigen. Zur „traditionellen Dankesrede” des musikalischen Leiters bringt er kein Wort hervor. Nach Minuten der unruhigen Stille legt er das Mikrofon ab und schleicht sich vom Podium.
Bis dahin haben die Musiker den titelgebenden Märschen von Edward Elgar ihre watschelnde Großspurigkeit genommen. Die von Bendix Dethleffsen entworfene musikalische Konzeption dieses frei erfundenen Musiktheaters zeigt eine logische Dramaturgie. Vom Toccata-Rauschen eines William Walton führt sie über die Schlager der Proms bis in die stillen Kontemplationen von John Dowland. Am Ende haucht sie in den „Lachrymae“ von Benjamin Britten (Solobratsche: Boris Faust) ihren Atem ganz aus.
Eigentlich ist das Zusammenbrechen eines aufgeputschten Hochgefühls ein großartiger Coup. Doch dann ist nicht nur Schluss mit lustig. Auch die Inszenierung bleibt so leer wie die Bühne. Es ist zu konstruieren, dass nach der Maskerade nun Menschen in ihren Träumen, Ängsten und Depressionen, gezeigt werden sollen, wenn die feiernde Masse sie nicht mehr auf ihren Wellen trägt. Die Philharmoniker schicken dazu nach der Pause nur noch ein Streichquartett auf die Bühne.
Spinnen die Engländer?
Ihre letzten Vertreter auf dem königlichen Balkon rezitieren Nonsens-Texte. Der Queen-Gemahl setzt sich an die Rampe und verspeist in aller Ruhe Butterbrot und Banane. Der Thronfolger (Paraderolle: Peter Fasching) philosophiert über die einst so schöne isolierte Insellage.
Spinnen die Bremer?
Da bringen sie diese wundervoll intime Musik eines Dowland oder Henry Purcell mit den sehr stilsicher singenden Christian-Andreas Engelhardt und Ulrike Mayer ins Spiel. Aber sie degradieren sie durch konterkarierende und störend geräuschvolle Interaktionen.
Nur die Queen (Ursula Clasen) hält stoisch in ihrer Loge durch. Bis das Licht ausgeht.
