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Von Reinhard Tschapke
Frage:
Sie kommen am 6. Mai zu einem Konzert nach Bremen. Das findet zu Ehren von Klaus Pierwoß statt, der als Intendant in den Ruhestand geht. Wann geht der jetzt 70-jährige Wolf Biermann in den Ruhestand?
biermann:
Der geht nicht. Die Musen kümmern sich nicht um Rentenbescheide!
Frage:
Die Musen küssen Sie offenbar immer noch.
Biermann:
Die Musen küssen einen alten Sack genauso gerne wie ein jungen Mann – wenn Sie ihn mögen. Wenn sie ihn nicht mögen, dann küssen sie ihn weder alt noch jung.
Frage:
Kürzlich sind Sie mal wieder heftig geküsst worden. Während der Verleihung der Berliner Ehrenbürgerwürde sagten Sie vor versammelter Prominenz, es sei „verbrecherisch, dass die SPD mit der PDS ins Bett“ gehe.
Biermann:
Naja, Bürgermeister Wowereit hat sich ja dagegen verwahrt, dass seine demokratisch gewählte Regierung „verbrecherisch“ genannt wird. Deswegen habe ich das Wort auch zurückgenommen – indem ich es verschärft habe!
Frage:
Was sagen Sie jetzt statt „Verbrechen“?
Biermann:
Ich habe die Formulierung extra für Herrn Wowereit verschärft: Statt „Verbrechen“ sage ich jetzt, es war ein „Fehler“!
Frage:
Sie legen ja gern nach: Als Sie aus der DDR in die Bundesrepublik ausgebürgert wurden, sagten Sie, Sie kämen vom Regen in die „Jauche“.
biermann:
Die taten doch alle so, als müsste ich glücklich sein, weil ich im Westen gelandet war! Aber ich war nicht glücklich. Ich wurde nicht im Westen, sondern im Osten gebraucht!
Frage:
Ihr neues Konzert-Programm befasst sich mit dem Thema „Heimat“.
Biermann:
Heimat ist kein einfaches Wort für die Deutschen, weil es so ungenau und schwammig ist.
Frage:
In Ihrer Kindheit waren Sie in Hamburg. Also könnte Hamburg bei Ihnen Heimatgefühle auslösen.
Biermann:
Das ist richtig und falsch. Heimat ist auch da, wo man seine Freunde hat, wo man wird, was man dann ist. Ostberlin war für mich in dem Sinn viel mehr Heimat als Hamburg. Zur Heimat gehören die vertrauten Feinde – damit man weiß, wo man hinschlagen soll!
Frage:
Wer zählt denn zu Ihren Feinden?
biermann:
Alle Erben der DDR-Nomenklatura, die uns über Jahrzehnte gedemütigt, ausgebeutet, unterdrückt, beleidigt und geärgert haben. Wenn es nur mich selbst beträfe, wäre das nicht so schlimm. Nicht alle sind so glücklich davongekommen wie Wolf Biermann.
Frage:
Warum haben Sie die DDR-Diktatur „glücklich“ überstanden?
Biermann:
Ist doch klar: Weil mich immer die Musen geküsst haben! Ich habe aus dem Elend stets Kunst gemacht.