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Von Regina Jerichow
Frage:
Ihr Vortrag steht unter der Überschrift „In Bildern denken“. Wie geht denn das?
Biesenbach:
Ich glaube, dass wir das alle tun. Man muss sich das Phänomen nur bewusst machen. Gerade bei künstlerischen Bildern ist es ja oft so, dass man ihre Komplexität gar nicht in Worte fassen kann. Man denkt ja auch, bevor man überhaupt schreiben kann.
Frage:
Denken Sie besonders häufig in Bildern?
Biesenbach:
Wir machen das sicher alle gleich oft. Aber ich bin mir dessen vielleicht besonders bewusst, weil es mein Job ist, Bilder anzuschauen, ganz wenige auszusortieren und am Ende unter einen gewissen Schwerpunkt zu stellen.
Frage:
Was hat Sie vor Jahren dazu bewogen, Ihr Medizinstudium an den Nagel zu hängen und in Berlin eine marode Margarine-Fabrik zu einem florierenden Kunstzentrum auszubauen?
biesenbach:
Mich hat immer interessiert, wie ein Mensch und wie die neurologische Wahrnehmung funktioniert. Wenn man sich frühe anatomisch-medizinische Studien ansieht, ist man immer unsicher, ob es sich nicht um künstlerische Studien handelt. Das künstlerische Interesse sollte immer eines am Leben sein. Und was wäre das menschliche Leben ohne ein Subjekt, das es wahrnimmt? Ohne Menschen gäbe es ja gar keine Kunst. Sie ist etwas rein vom und für den Menschen Kreiertes.
Frage:
Daraus schließe ich, dass Sie es nicht bereut haben, Ihr Medizin-Studium aufgegeben zu haben.
Biesenbach:
Als Kind habe ich mir immer einen Atlas oder etwa die Enzyklopädie der Wirbeltiere angeschaut. Aber nach zwei, drei Monaten konnte ich sie auswendig und brauchte wieder ein neues Buch. Die Definition von Kunst ist dagegen, dass sie ständig nach Neuland und Innovationen sucht. Schließlich geht es darum, Wahrnehmung zu verändern.
Frage:
Also gibt es mehr Innovation in der Kunst als in der Medizin?
Biesenbach:
Die Kunst muss ja immer den Kanon verlassen, immer Neuland betreten und muss sich als Experiment aufs Glatteis begeben. Wogegen die Medizin sehr im Kanon aufgehoben ist und sicherstellen muss, dass sie sich nicht auf zerbrechliches Eis begibt, weil sie eine ganz andere Verantwortung hat.
Frage:
Haben Sie in New York vom Berlin-Mythos profitiert, sofern es ihn überhaupt noch gibt?
Biesenbach:
Den Berlin-Myhthos gibt es schon länger, als ich arbeite. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und habe die „Kunst-Werke“ in Berlin schon mit 23 aufgebaut. Es hat einen ersten Berlin-Hype gegeben – das war der Fall der Mauer –, dann gab es Ende der 90er Jahre einen Hype um die Berlin-Biennale, die ich ja auch gegründet habe, und jetzt gibt es schon einen dritten. Berlin hat diese ungeheure Strategie, sich ständig neu zu erfinden, was ja auch eine wunderbare Eigenschaft ist.
Frage:
Das Museum of Modern Art hat eine eigene Abteilung für Medienkunst eingerichtet und Sie als Kurator berufen. Unter dem Begriff versteht man in den USA etwas anderes als bei uns. Was genau stellen Sie aus?
Biesenbach:
Das Nächste, was wir federführend zu verantworten haben, ist die große Retrospektive von Olafur Eliasson, ein isländischer Künstler, der in Berlin lebt. Er wird etwa eine Arbeit zeigen, die ich auf der ersten Berlin-Biennale mit ihm zusammen entwickelt habe. Das ist ein frei schwingender Ventilator, der zum Pendel wird. Unter Medien versteht man im anglo-amerikanischen Raum alles, was Zeit abbildet. Das kann eine Performance von Marina Abramovic sein, deren Retrospektive ich mache, auch so ein Pendel wie von Eliasson, den man in Deutschland eher als Bildhauer bezeichnen würde, oder auch Arbeiten von einem Künstler wie Matthew Barney.
Frage:
Haben Sie sich für New York ein bestimmtes Zeitlimit gesetzt?
Biesenbach:
Ich habe das Medienkunst-Department ja gerade erst gegründet. Da muss man schon etwas länger daran arbeiten und dafür sorgen, dass die Abteilung eine Substanz erhält, damit sie bleibt.
Frage:
So ähnlich sind Sie auch mit den „Kunst-Werken“ und der Berlin-Biennale verfahren . . .
Biesenbach:
Stimmt, die „Kunst-Werke“ sind jetzt erwachsen, die Berlin-Biennale ist ein Kind, das sich in der späten Pubertät befindet, und das Medien-Departement kann noch nicht laufen.