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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Eine Million Euro für Plünderer

28.10.2017

Jena /Weimar Zugegeben: Er machte wenig aus sich. Und er sah sich selbst melancholisch: „Vielleicht soll es so sein, dass ich gedemütigt werde, auf dass ich mir nichts darauf einbilde, dass ich manchmal Flügel der Morgenröte nehme und über diese Welt hinausfliege.“

Das waren berührende Sätze. Aber angesichts seiner Feinde waren sie wenig nützlich. Die Angriffe auf Christoph Martin Wieland begannen im 18. Jahrhundert, noch zu Lebzeiten des Klassikers. Dabei war der liberale Aufklärer einer unserer größten, heute leider in der Sturmflut des Vergessens versunkenen Autoren. Allerdings gibt es Anlass zur Hoffnung. Die Gesamtausgabe des Werks von Wieland wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nun mit einer Million Euro unterstützt. Die Werke werden von Literaturwissenschaftlern der Uni Jena herausgegeben, die Ausgabe soll bis 2020 eine „schmerzhafte Lücke“ schließen.

Der Witz an der Sache: Ausgerechnet die Idee, dem Schaffen eines Dichters in einer Ausgabe sogenannter Sämtlicher Werke Dauer zu verleihen, geht im deutschen Sprachraum auf Wieland zurück. Vor diesem Hintergrund mutet es wie eine Ironie an, dass Wieland bis heute keine vollständige Werkausgabe erhielt. Allerdings gibt es dafür Gründe. Schiller nannte ihn respektlos „die zierliche Jungfrau zu Weimar“. Die Frühromantik hackte am meisten auf dem armen Schriftsteller herum, der das Verspielte, Gedrechselte, das Warmherzige, Schöne und Antike liebte.

Wie ein paar Jahrhunderte später einem deutschen Verteidigungsminister warf man dem Dichter schlicht Plagiate vor. Doch anders als der Minister machte Wieland, was ein guter Dichter schon mal macht: Er bezieht sich auf die Tradition, er schaut von den Schultern der Riesen der Vergangenheit, darunter Horaz und Ovid, in die Zukunft.

Doch das kam bei den Romantikern oder Stürmern und Drängern nicht gut an. Man hielt Wieland für einen Dichterschwamm, der alles aufsaugte. Man eröffnete, so wörtlich bei Friedrich Schlegel, über Wieland das „Konkursverfahren“, weil er angeblich das Eigentum von Fielding, Sterne, Voltaire und sogar Shakespeare regelrecht geklaut haben soll. Ein internationaler Plünderer! Man kann es auch anders sehen: Wieland war seiner Zeit voraus, schaut man auf Dichter wie Bertolt Brecht oder Heiner Müller.

Doch der Pfarrerssohn Wieland wurde beschimpft. „Der infame französische Hundsfott“ hieß es 1777. Ein Wollustsänger, zudem freigeistig. Sein Buch „Amadis“ sei ein „Hurenhaus“ (dabei war es feine Dichtung). Die Aburteilung führte bis zur stellvertretenden Hinrichtung. So geschehen bei einer Feier des nationalistischen Göttinger Hain-Bundes.

Die hatten getrunken und sich heiß gequatscht. Dann ging es los. „Einer trug die Erzählung von Wieland herbei“, erzählt eine Quelle. „Verbrannt“ rief es umher. Und sogleich loderte die Flamme auf. „Hier auch, rief ein anderer, das Fratzengesicht.“ Gemeint war Wielands Bildnis, der Mann war tatsächlich nicht allzu hübsch. „Ein Jubel entstand, da dreimal das arme Bild Wielands von der Hitze wieder auffuhr“.

Wieland war in den Augen der Kritiker zu verspielt, zu französisch, zu undeutsch, zu wollüstig. Dabei war Wieland ein literarisches Universum. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts huldigte ihm nach Arno Schmidt noch einmal der Greno-Verlag mit fantastischen Ausgaben, lobte Mäzen und Kenner Jan Philipp Reemtsma ihn als Autor. Reemtsma freute sich jetzt, dass die „Editionsarbeit schwungvoll weitergeführt werden kann“.

Das ist auch bitter nötig. Denn Wieland war schon literarisch mausetot, als man im 19. Jahrhundert begann, ihn in unzuverlässigen Ausgaben zu beerdigen. Das Gute am Schlechten ist indes, dass man heute den anmutigsten Schriftsteller, den das literarische Rokoko hervorgebracht hat, neu entdecken kann.

Und zwar als ersten Übersetzer Shakespeares, als Bearbeiter von Mythen und Feenmärchen. Und als Autor jenes bekannten Satzes, nach dem man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Was ja vorkommen kann.

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