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Geschichte Jenseits des Gruseleffekts

Reinhard Tschapke

Bremen/Emden/Oldenburg - Haben Sie Tote? Die komische Frage hat einen ernsten Hintergrund: Seit kurzem debattieren Museumsdirektoren und Archäologen, wie sie mit menschlichen Überresten umgehen sollen. Die Zeiten haben sich gewandelt, weiß Wiebke Arndt (49). Die Chefin des Bremer Überseemuseums leitete über Jahre eine deutsche Kommission, die Empfehlungen entwickelte. Ihr Fazit: „Es kommt drauf an!“

Allein wegen der Schaulust sollte man das nicht mehr tun, so die gelernte Ethnologin. Andererseits könnten archäologische Funde lehrreich sein. Klar sei aber: „Völlig erklärungsfrei tote Menschen auszustellen, geht gar nicht.“

Keine Gefühle verletzen

Man habe die Würde der Verstorbenen zu garantieren. Von Hagens strittige Ausstellung „Körperwelten“ lehnt sie deshalb ab. „Die meisten seiner Plastinate von menschlichen Körpern entsprechen nicht den ethischen Voraussetzungen, die ich mir vorstelle.“ Schon lange zeigt Wiebke Ahrndts Museum keine Schrumpfköpfe mehr aus der Kolonialzeit: „Das lassen wir lieber.“ Und was hält sie vom eisigen Ötzi, der in Tirol die Touristen anzieht? „Die Ergebnisse der Forschung werden ja mitpräsentiert, deshalb halte ich das in dem Fall für legitim.“

Wiebke Ahrndts Übersee-Museum wird ab Oktober sogar eine ägyptische Mumie, eingewickelt in Papyrus, zeigen – Teil einer Afrikaschau. „Damit dokumentieren wir, wie nach Geschlecht, Alter, Krankheiten und Todesarten geforscht werden kann.“

Wird alles leichter, wenn der Tote schon länger tot ist?

Nein, sagt Wiebke Ahrndt, nur weil jemand 2000 Jahre tot sei, könne man nicht alles machen: „Es bleibt ein Mensch.“ Problematisch werde es, je näher man der Gegenwart komme: „Wir können Gefühle heute noch Lebender verletzen. Die Erinnerung an einen Toten verblasst erst nach vier, fünf Generationen, etwa nach 125 Jahren. Es wäre seltsam, wenn da plötzlich Verwandte vor dem Leichnam stünden.“

Das wird bei den Moorleichen, die in norddeutschen Museen sehr präsent sind, kaum der Fall sein. Doch auch da gilt, so Ahrndt: „Alles eine Frage der Ethik“. Nur: Was ist eine angemessene Präsentation? Ulf Beichle (64) vom Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg fällt das Beispiel von dem toten Jungen aus Kayhausen ein, der vor 2000 Jahren nachweislich erstochen wurde.

„Der ist nur als Flüssigpräparat erhalten und über Jahrzehnte auch so gezeigt worden. Wir haben ihn vor Jahren aus der Schau genommen.“ Der Grund: „Das war unansehnlich, der sah aus wie ein schwimmender Ledersack, da ging der Respekt vor der Person verloren.“

Jetzt ruht der arme Junge im Magazin in einer Spezialwanne. Und der ungeklärte Kindermord vor 2000 Jahren wird anhand eines Röntgenbildes vermittelt. Trotzdem zeigt man in Oldenburg weiter Moorleichen, drei allein in einem riesigen Torfblock, trockene, rothaarige, mumifizierte Gerippe.

„Es darf nicht nur um den Gruseleffekt gehen“, warnt Beichle. „Wir wollen den Menschen in seinem Lebensraum im Moor zeigen.“ Die Nachfrage sei riesig, die Forschung schreite voran, man könne heute fast schon die Augenfarbe bestimmen.

In Scheune gezeigt

Im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden kümmert sich Wissenschaftler Jürgen Bär (45) um die einzige gut erhaltene Moorleiche Ostfrieslands. Als gestandener Archäologe, der schon in Syrien buddelte, meint Bär: „Die Präsentation ist kein Problem. Wir sind ja nicht Voyeure, wir sind darauf angewiesen, Gräber zu öffnen und Leichname zu untersuchen. Uns interessiert: Wie lebte der Tote?“ Nie habe ein Besucher protestiert.

Die Emder Leiche heißt Bernie. Kinder lieben sie. Bei der Aktion „Nachts im Museum“ wollten alle Kleinen neben der Moorleiche schlafen. Freilich kennt Bär auch die alten Geschichten vom gröbsten Umgang mit den Moorleichen.

Das war, als man in Kneipen mit irgendeiner Moorleiche im Arm tanzte. Als man sie in Scheunen ausstellte und Bier ausschenkte. Eine andere Moorleiche versuchte man, schwört Bär, im Ofen einer Bäckerei zu konservieren. Das ging schief. Alles verbrutzelte. Der Bäcker, erzählt Bär, sei Pleite gegangen. Keiner wollte mehr Brot aus dem Ofen kaufen.

Im Übrigen hält Bär die intellektuelle Debatte über sterbliche Überreste für scheinheilig: „Wir müssen doch sehen, wie heute mit unseren Toten umgegangen wird. Wie schnell wird ein Friedhof eingeebnet, eine Autobahn darüber gebaut!“

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