Rastede - Als die ersten Steine fielen, stand Robert Frerichs an der Mühlenstraße und beobachtete, wie das alte Sägewerk Stück für Stück aus dem Ortsbild verschwand. Mit der Videokamera war er dabei, als der markante grüne Kran in Einzelteile zerlegt wurde und als der hohe Schornstein abgerissen wurde.

„Es stimmt mich schon etwas traurig, dass ein alteingesessenes Sägewerk dem Bagger zum Opfer fällt“, sagt Frerichs. Der 81-Jährige sitzt am Freitagvormittag zusammen mit seiner Ehefrau Anneliese am Küchentisch, auf dem Computerbildschirm vor ihm zeigt er das Video vom Fall des Schornsteins.

„Ich bin ab 1936 bei meiner Großmutter aufgewachsen, die auf dem Sägewerksgelände eine Mietwohnung hatte“, erzählt der Rentner. Kindheit und Jugend verbrachte er dort, wo in den vergangenen Tagen der Abrissbagger sein Werk verrichtete. Schon bald soll auf dem Grundstück das Wohnquartier „Alte Sägerei“ mit hochwertigen Eigentumswohnungen in vier Gebäuden entstehen (NWZ  berichtete).

„Mit den Kindern von der Mühlenstraße habe ich zwischen den großen Holzstapeln oft Verstecken gespielt“, erinnert sich Frerichs und weiß noch, dass das vom damaligen Sägewerksbesitzer Hermann Brötje nicht gerne gesehen wurde. „Es hagelte auch schon mal Schimpfe.“

Während des Zweiten Weltkriegs hatte Frerichs, der damals noch ein kleiner Junge war, häufig Ängste auszustehen, wenn Tiefflieger oder Bomberverbände über Rastede flogen. „Diese hatten besonders Werksanlagen als Ziel“, schildert der Rentner. Der hohe Schornstein des Sägewerks sei da natürlich ein mögliches Ziel gewesen.

„Bei Fliegeralarm sind wir mit den Nachbarn vom Friedhofsweg in die Keller von Korbmacher Onken oder Spiekermann geflüchtet“, erzählt Frerichs. Deren Gebäude befanden sich gleich gegenüber der Mietwohnung seiner Großmutter, die von allen nur „Blumen Anna“ gerufen wurde. Der flache Bau, in dem Frerichs als Kind aufwuchs, befand sich dort, wo heute die Firma Borchardt ihre Steinmetzwerkstatt betreibt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Sägerei, ab 1955 wurde die Holzlagerfläche erweitert. „Schon bald waren wir von großen Holzstapeln umgeben“, erinnert sich der Rasteder, der 1956 „seine“ Anneliese heiratete.

Vier Jahre lebten die beiden noch in der kleinen Mietwohnung auf dem Sägewerksgelände. „Da war noch ein Plumpsklo drin“, weiß Anneliese Frerichs noch und fragt sich, „wie wir überhaupt sauber geworden sind. Es gab gar kein Badezimmer.“

Damals erstand Robert Frerichs seine erste Fotokamera im Laden von Hermann Evers. Vom eisern gesparten Geld kaufte er eine Voigtländer Vito BL, die er noch besitzt. Fotos und Videos nimmt er inzwischen allerdings digital auf.

„Den Abbruch des Sägewerks habe ich von Anfang an bis zum Umfallen des Schornsteins verfolgt und auf Video aufgenommen“, erzählt Frerichs, der später als Informations- und Kommunikationsangestellter bei der Polizei in Oldenburg beschäftigt war. Als begeisterter Videofilmer wolle er nun einen Film erstellen, den er dann auch gerne öffentlich zeigen möchte. „Das dauert aber sicher noch ein Jahr“, sagt er und betont: „Das muss man schon vernünftig machen.“

Frank Jacob
Frank Jacob Redaktion Rastede, Redaktion Wiefelstede