JEVER - „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selber ein Zeuge werden.“ Dieser Satz des jüdischen Schriftstellers Elie Wiesel fand am Dienstagabend im jeverschen Schloss eine eindrucksvolle Bestätigung. Zur Eröffnung der Ausstellung „Nirgendwo und überall zu Haus“ sprach der stv. „Spiegel“-Chefredakteur Dr. Martin Doerry mit Renate Bechar. Sie hat als Kind den Holocaust überlebt – und vermittelte den Zuhörern, wie die Gewaltherrschaft der Nazis Menschen ausgegrenzt, gedemütigt und zerstört hat.
Renate Bechar, die heute in Israel lebt und extra für die Ausstellungseröffnung nach Jever gereist ist, wurde 1932 als Tochter des letzten Leiters des jüdischen Waisenhauses in Berlin-Pankow, Kurt Crohn, geboren. Früh habe sie die „schreckliche Atmosphäre“ gespürt, berichtete sie im Gespräch mit Martin Doerry. Ihr Vater habe viele Kinder aus dem Waisenhaus retten können. Er blieb bis zum Schluss – da war es für die eigene Rettung schon zu spät.
Familie Crohn wurden zunächst die Bürgerrechte entzogen. Renate Crohn durfte keine Schule besuchen. Während die Eltern zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, war sie in der Berliner Wohnung gefangen. Der offene Antisemitismus sei sehr traumatisierend gewesen.
Kurz vor ihrem elften Geburtstag im Juni 1943 wurde Renate Crohn mit ihren Eltern ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Die Menschen schliefen dort auf dreistöckigen Pritschen, die Unterkünfte waren von Ungeziefer verseucht. Dennoch habe sie sich als Kind nach der unerträglichen Situation in Berlin in Theresienstadt zunächst freier gefühlt. Doch dieses Gefühl war trügerisch. Ab September 1944 leerte sich das Lager, jeden Abend verlas der Stubenälteste die Namen derjenigen, die sich zum Abtransport am nächsten Morgen bereit machen mussten. Am 28. September 1944 kam ihr Vater nach Auschwitz. Sie hat ihn nie wieder gesehen.
Renate und ihre Mutter Susanne Crohn überlebten und wurden von den Russen aus dem Lager Theresienstadt befreit. Das Schicksal verschlug sie nach Heidmühle. Sie lebten in einer zugigen kleinen Wohnung an der Oldenburger Straße. Renate Crohn besuchte das Mariengymnasium, ihre Mutter arbeitete als Dolmetscherin und Sekretärin im Rathaus. Wohl fühlten sie sich nicht. „Ich war sehr einsam“, berichtete Renate Bechar: „Die Menschen wussten nicht, wie sie mich empfangen sollten – deshalb hat mich keiner empfangen.“ Eine offene Diskussion über die Gräueltaten oder Interesse an ihrem Schicksal habe es nicht gegeben
Der Wunsch, Deutschland zu verlassen, sei nach den schrecklichen Erfahrungen immer präsent gewesen. 1949 emigrierte Renate Crohn mit ihrer Mutter nach Israel. „Die Ankunft in meiner neuen Heimat war ein überwältigendes Erlebnis“, erzählte sie in Jever – für Martin Doerry, dessen Familie im Dritten Reich ebenfalls verfolgt wurde, eine Erklärung dafür, warum die Juden so sehr an ihrem Land Israel hängen.
Eine feste Rückkehr nach Deutschland kam für Renate Bechar nie in Frage – auch wenn sie sehr an der deutschen Sprache und Kultur hänge. Mit Besuchsreisen nach Deutschland hat sie allerdings keine Probleme. „Ich besuche keine Nazis, sondern eine neue Generation“, sagte sie. Und außerdem: „Wen bestrafe ich, wenn ich mir das Deutsche versage?“
Martin Doerry erwies sich als einfühlsamer Interviewer, der strukturiert fragte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Am Ende lenkte er das Gespräch auf den Nahost-Konflikt. „Wie kann es Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geben?“ „Wir sind wie Siamesische Zwillinge und teilen uns das selbe winzige Land“, antwortete Renate Bechar. Aus ihrer Sicht könne der Konflikt nur durch die Gründung zweier Staaten gelöst werden. Doch das würden die Araber wohl nie akzeptieren. „Es wäre schön, wenn es Frieden gibt“, sagte Renate Bechar: „Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren.“
