JEVER - Sie sind ganz normale junge Leute mit ganz normalen Problemen: Michael (Lutz Ahmels) ist zum ersten Mal verliebt und himmelt – zunächst aus der Ferne – Mirjam (Nadine Gronewold) an. Wuschel (Lukas Ernst) sucht republikweit nach der Rolling Stones-Platte „Exile on Main Street“.
Fragen müssen beantwortet werden: Soll man für drei Jahre zur NVA gehen? Gibt es ein unpolitisches Studium? Kann man das System von innen heraus aufmischen?
Ganz so normal sind die Probleme dieser jungen Menschen denn doch nicht: Sie leben im kürzeren Teil der Sonnenallee in Berlin. Und das heißt – aus westlicher Sicht – hinter der Mauer. Was dieses Leben ausmacht, lässt die Musicaltruppe des Mariengymnasiums in einer Show mit fetziger Musik, Tanz und Schauspiel lebendig werden.
Aus dem Mikrokosmos des Straßenabschnitts im Schatten der Mauer lassen die Akteure Lindenstraße der DDR entstehen, die kritisch, aber auch humorvoll Feinheiten und Widrigkeiten in der „ehemaligen Täterätä“ darstellt.
Das Leben in Michaels Familie spielt sich rund um den „MuFuTi“, den Multifunktionstisch, ab, der nie so funktioniert, wie er soll. Auch die kreischige Tante Lina aus dem Westen (Carolin Conring), die immer die falschen Geschenke mitbringt, fehlt nicht. Selbst Besuch aus Dresden, dem „Tal der Ahnungslosen“ , weil dort kein Westfernsehen empfangen werden kann, wird durch den Kakao gezogen.
Und da sind die Vertreter des Systems: der Volkspolizist, der stolz auf seinen Dienstgrad ist, der Grenzsoldat, der den Grenzpfahl Millimeter für Millimeter näher an die Mauer heranschiebt, und der undurchsichtige Nachbar, den jeder für einen Stasi-Mitarbeiter hält, der aber in Wirklichkeit Bestatter ist.
Für den richtigen Sound sorgte die Band unter Leitung von Klaus Wagner. Mit überwiegend eigenen Songs hatten sich die elf Musiker bewusst entschieden, sich der DDR auf eigene Weise zu nähern und nicht auf reichlich vorhandene DDR-Titel zurückzugreifen. Ganz ohne DDR-Musik ging es aber doch nicht: Natürlich durfte der Modetanz „Lipsi“ nicht fehlen. Und Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael“ zeigte überdeutlich, wie ein als harmloses Urlaubsliedchen daherkommendes Stück kritische Inhalte an der Zensur vorbei transportieren konnte.
So bildete dieser Titel auch sicher den emotionalen Höhepunkt des Stücks, das aus dem Alltagsleben ein Stück Geschichte sichtbar gemacht hat, wie es nur in Berlin möglich war.
Mit stehenden Ovationen dankten die Besucher im ausverkauften Theater am Dannhalm dem Ensemble des Mariengymnasiums für zweieinhalb Stunden Musik, Tanz, Schauspiel und Unterhaltung der Extraklasse.
Mehr Bilder unter www.NWZonline.de/fotogalerie-friesland
