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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Vom Finden und Wegwerfen

11.12.2019

Oldenburg Mit einer Sache muss Jochen Schimmang schnell aufräumen: Der „Walter Kempowski Preis für biografische Literatur“, den der in Oldenburg lebende Schriftsteller an diesem Mittwoch in Hildesheim erhalten wird, verpflichtet zu manchem – aber bestimmt nicht zum Horten und Bewahren von Notizen oder gar zum Anlegen eines Archivs; so wie es der 2007 verstorbene Namensgeber dieser neu geschaffenen Auszeichnung auf seinem großen Grundstück in Nartum einst selbst ausschweifend tat. „Ich bin kein Sammler. Ich werfe weg“, stellt der 71-jährige Schimmang fest, der 1948 in Northeim geboren wurde und in Leer das Abitur baute, um dann lange Zeit durch die zumeist deutschsprachigen Lande zu ziehen. Insofern wären Denkwürdigkeiten jeglicher Art nur Ballast für die Unrast gewesen.

Als Gedankenspaziergänger und Randsucher hat Schimmang die deutsche Literatur in den vergangenen 40 Jahren mit Romanen, Erzählungen, Essays und Hörspielen bereichert. Sein aktueller, autobiografisch geprägter ̈Erzählungsband „Adorno wohnt hier nicht mehr“ ist gekennzeichnet von Melancholie, subtiler Komik und Klugheit ebenso durch viele überraschende Momente.

„Ich beobachte, notiere und recherchiere, und nutze dazu Gespräche, Bücher, andere Drucksachen und natürlich das Internet“, berichtet Schimmang. Manches fließt ein ins Manuskript, vieles wird entsorgt. So viel zur Methodik. Andererseits bereitet es dem Autor Sorge, dass vieles dem kollektiven Gedächtnis verloren geht. „Ich bin kein Kulturpessimist, aber manches bleibt unausgesprochen und damit der Nachwelt verborgen.“

Grundsätzlich stelle sich die Frage: Wohin mit dem Nachlass eines Schriftstellers? Und wer will das alles irgendwann noch mal anschauen? Die Fundsachen gehörten in den literarischen Werkzeugkasten eines Autors, und dieser müsse hin und wieder mal aufgeräumt werden.

Deshalb will Schimmang den Kempowski-Preis auch nicht als Würdigung seines Lebenswerks verstanden wissen. „Dann wäre ja Schluss“, stellt er fest. Nein, die Auszeichnung und der Geldbetrag helfen ihm als Schriftsteller, seiner Profession weiter sorgenfrei nachzugehen.

Er könne dies auch, weil nach wie vor und allen Schwarzsehern zum Trotz immer noch gelesen werde. „Ob das mit einem Buch passiert oder auf einem E-Book oder Smartphone ist mir wurscht“, sagt Schimmang.

Der Blickwinkel des Autors ist der eines Chronisten der alten Bundesrepublik, und doch hat er in seinen Romanen „Das Beste, was wir hatten“ (2009) und „Neue Mitte“ (2011) auch deren Abgesang angestimmt und später sogar das wiedervereinigte Deutschland in „Altes Zollhaus, Staatsgrenze West“ (2017) in die Mitte gerückt.

„Adorno wohnt hier nicht mehr“ (Edition Nautilus/ 2019) schlägt schließlich die Brücke in die Gegenwart. Vor 50 Jahren, im August 1969, starb der große deutsche Philosoph, Soziologe und Komponist – Jochen Schimmang verrichtet mehr als Abwesenheitspflege. In melancholischen bis heiteren, zum Teil autobiografisch gefärbten Geschichten erzählt er von Formen und Figuren des Verschwindens. Das tut er sehr lebendig und pointiert, weil er gut recherchiert hat, aber auch den Mut beweist, unnötigen Ballast abzuwerfen.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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