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Judith Hermann im Interview „Ich erzähle meine Frauenfiguren so, wie ich selber gerne wäre“


Die Schriftstellerin Judith Hermann lebt in Berlin - und im Wangerland. An der Nordsee hat sie große Teile ihres jüngsten, gefeierten Romans „Daheim“ geschrieben.

Die Schriftstellerin Judith Hermann lebt in Berlin - und im Wangerland. An der Nordsee hat sie große Teile ihres jüngsten, gefeierten Romans „Daheim“ geschrieben.

Oldenburg -

Frage:

Im Frühjahr 2021 erschien Ihr zweiter Roman „Daheim“. Sie waren damit für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, erhielten den Rheingau Literatur Preis 2021 und zuletzt den Bremer Literaturpreis. Die Feuilletons waren begeistert, Sie waren sehr präsent in diesem Jahr. Wie fühlte sich 2021 für Sie an?

Judith Hermann:

2021 war ein gutes Jahr für mein Buch, vieles war sehr beglückend und überraschend auch. Aber manchmal hätte ich mir für diese Freude eine leichtere Zeit gewünscht; letztlich war es dann eben doch auch das zweite Jahr unter Covid-19, und dass es nun so schwer und anstrengend zu Ende geht, überlagert vieles.
Zur Person

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihr Ur-Urgroßvater war Leuchtturmwärter auf Wangerooge. Ihre Großmutter lebte in Horumersiel. Die Schriftstellerin lebt heute zeitweise in Berlin, zeitweise im Wangerland.

Ihrem Debüt, dem Erzählband „Sommerhaus, später“ (1998) wurde eine große Resonanz zuteil.

2003 folgte der Erzählband „Nichts als Gespenster“. Einzelne Geschichten daraus wurden 2007 verfilmt.

2009 erschien „Alice“, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 folgte Judith Hermanns erster Roman, „Aller Liebe Anfang“, 2016 der Erzählband „Lettipark“, der mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde.

Im Frühjahr 2021 erschien „Daheim“ im S. Fischer Verlag. Der Roman wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Judith Hermann erhielt dafür außerdem den Bremer Literaturpreis 2022 und den Rheingau Literaturpreis 2021. Als Teilnehmerin der LiteraTour Nord 2021/22 ist Judith Hermann auch für den Preis der LiteraTour Nord nominiert.

2019 reiste Judith Hermann mit dem Landgang-Stipendium, das das Literaturhaus Oldenburg und die Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg seit 2015 an renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergibt, durch das Oldenburger Land. Ihre Aufzeichnungen sind erschienen in der Anthologie „Fünf Landgänge“ (Wallstein Verlag 2021, Herausgeberin: Monika Eden)

Frage:

Zwischen Ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ und „Daheim“ liegen gut 20 Jahre. Wie viel „Sommerhaus, später“ steckt in „Daheim“? Könnten die Ich-Erzählerin von heute und jene von damals dieselbe Person sein, die jetzt bereit ist für ein Haus auf dem Land, in der selbsterwählten Einsamkeit?

Judith Hermann:

Ich fürchte, ich habe eigentlich nur eine einzige Protagonistin – meine Frauenfiguren sind Variationen ein und derselben Figur. Diese Erzählerin aus „Daheim“ ist durchaus auch die Erzählerin aus „Sommerhaus, später“, sie ist eine Sonja, sie ist die Ich-Erzählerin aus der Geschichte „Ruth“ aus „Nichts als Gespenster“, das somnambule Mädchen aus den „Roten Korallen“. Die Fragen ans Leben, die sich die Frauen im ersten Buch stellen, haben sich in diesem sechsten Buch nicht wirklich verändert, sie sind eher erweitert worden, sie sind genauer formuliert.

Frage:

Und wie viel von Judith Hermann steckt in diesen Figuren?

Judith Hermann:

Meine Figuren sind ziemlich eng mit mir verbunden, aber sie sind eher Wunschvorstellungen als Spiegelbilder. Ich erzähle meine Frauenfiguren so, wie ich selber gerne wäre; sie sind, bei aller Zerbrechlichkeit, doch auch autonom, entschieden und sachlich, sie haben Eigenschaften, die ich selber gerne hätte.

Frage:

Haben Sie „Daheim“ eigentlich zum großen Teil im Haus Ihrer Familie im Wangerland geschrieben? Man hat beim Lesen den Eindruck, mit Ihnen auf Wasser, Weite, Abgeschiedenheit zu blicken…

Judith Hermann:

Ich habe „Daheim“ zu großen Teilen in Friesland geschrieben, ja. Im Winter, also in einer Zeit, in der es hier eher menschenleer ist und die Weite der Landschau so deutlich wird. Alleinsein, frühe Dunkelheit, das Monochrome der Außenwelt, Wattenmeer und Himmel und die Stille der Monate Januar und Februar haben sicher einen Einfluss auf das Buch gehabt.

Frage:

In „Daheim“ geht es unter anderem um Wurzeln, die manche Menschen haben, andere nicht, manche vielleicht nicht einmal suchen. Die Menschen vom Dorf, in das die Ich-Erzählerin aus der Stadt zieht, scheinen ihre Identität weniger zu hinterfragen als die Stadtmenschen. Was sind Ihre Gedanken dazu?

Judith Hermann:

Auf den ersten Blick mag es einfacher sein, sich in der Provinz, auf dem Land und in einer dörflichen Struktur verwurzelt zu fühlen. Die Verhältnisse sind überschaubarer, die Zugehörigkeit scheint eindeutiger. Aber ich vermute, dass ein junger Mensch, der in der Provinz aufwächst, seinerseits ein Verlangen nach Entwurzelung haben könnte, nach Fremdheit, nach einer Reise an einen Ort, von dem er gar nichts weiß. Letztlich gibt es immer die Sehnsucht nach dem, was man gerade nicht hat. Der Satz des Schriftstellers Thomas Brasch „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ fasst das ziemlich gut zusammen. Vielleicht ist die Frage nach der Identität eher abhängig von einer grundsätzlichen Sicherheit dem Leben gegenüber – und die empfindet der eine mehr und der andere weniger. Mir fehlt sie ein wenig oder genauer – sie ist ein Lernprozess.

Frage:

Sie sind in Berlin geboren und aufgewachsen, haben aber auch familiäre Verbindungen ins Wangerland, wo Sie jetzt zeitweise leben. Wo sind Ihre Wurzeln, wo ist Ihr „Daheim“?

Judith Hermann:

Meine Wurzeln sind in Berlin und in Friesland. In Berlin bin ich geboren, das ist eine starke Wurzel, und in Friesland habe ich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht, das ist eine ebenso starke Wurzel. Berlin habe ich mir nicht ausgesucht, aber für Friesland habe ich mich entschieden. Diese bewusste Entscheidung ist etwas besonderes und ich empfinde es immer noch als ein großes Geschenk, diesen Ort gewählt haben zu dürfen.

Frage:

Das Eingesperrt-Sein in Kisten ist ein wiederkehrendes Bild bei „Daheim“: die Ich-Erzählerin als junge Frau in der Kiste der zersägten Jungfrau eines aus der Zeit gefallenen Zauberers; Nike, die als Kind tagelang in eine dunkle Kiste eingesperrt war oder das zumindest so erzählt; eine Marderfalle, die die Ich-Erzählerin an die Zauberer-Kiste erinnert. Die Erzählung endet damit, dass die Ich-Erzählerin die zugeschnappte Marderfalle öffnet. Eine Befreiung? Ein Ankommen?

Judith Hermann:

Ich freue mich über Ihre Frage – es ist die Frage, von der ich mir wünsche, dass sie sich dem Leser am Ende des Buches stellen kann. Genau – eine Befreiung? Oder eine Ankunft. Und was genau entkommt da eigentlich aus der Falle – ein Tier oder etwas ganz anderes, ein Gefühl, eine Ahnung oder eine Erinnerung. Der Leser muss sich die Antwort auf diese Frage selber formulieren. Sie wird von seinen eigenen Erfahrungen abhängig sein, seiner Autobiografie und seinen Erinnerungen.

Frage:

Das Wort „Daheim“ klingt in einer Erzählung, die an der norddeutschen Küste spielt, etwas eigentümlich, man sagt hier eher zu Hause, die Figuren in dem Buch tun das auch, das Wort „Daheim“ kommt in der Erzählung selbst gar nicht vor. Weshalb fiel die Wahl für den Romantitel auf „Daheim“?

Judith Hermann:

Weil es ein Wort ist, das im Buch gar nicht vorkommt. Ein utopisches Wort, ein Sehnsuchtswort wie aus einem Märchen für einen Zustand, den es immer noch zu erreichen gilt.
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