Nordenham - Das Leben verläuft manchmal anders als gewünscht. Diese Erfahrung machen nicht nur die Adelskinder Leonce und Lena, die der deutsche Dichter Georg Büchner 1836 in seinem gleichnamigen Drama auf die Reise schickt. Auch für die Schüler der Oberschule 1 gab es Überraschungen bei ihrer Aufführung des Stücks in der Jahnhalle.
Kurzfristig waren zwei Schauspieler ausgefallen. Darunter ausgerechnet die Leonce-Figur und ein weiterer Protagonist, genannt Theo. Die Büchner-Figuren Leonce und Lena werden in der ergänzten Fassung von Marlene Skala begleitet von Figuren aus der heutigen Zeit. Sie verkörpern Lebenseinstellungen und durchbrechen zugleich die mitunter langen Monologe im Büchner-Original.
Als Ersatz für die erkrankten Schüler sprangen zwei Vertretungen ein: Theo wurde von Volkan Henken dargestellt, der sonst an der Niederdeutschen Bühne Nordenham spielt. Und in die Rolle des Leonce schlüpfte Finn Howell. Er beginnt im Herbst sein Lehramtsstudium für Darstellendes Spiel und arbeitete an der Oberschule 1 im Ganztagsbereich. Neben eigenen Theaterprojekten begleitete er den Unterricht des Lehrers Torsten Lange und führte Regie im nun aufgeführten Jugendstück, zu dem 65 Gäste in die Jahnhalle kamen.
Neun Monate Arbeit
Neun Monate Arbeit waren der Aufführung vorausgegangen. Zunächst galt es, den anspruchsvollen Text zu erschließen. „Viele im Deutschunterricht erworbene Kompetenzen mussten hier angewendet werden“, sagt Torsten Lange. Stundenlang haben sich die Schüler mit Wörterbüchern und Lexika herumgeschlagen, Worterklärungen erarbeitet, sprachliche Bilder entschlüsselt und Anspielungen aufgedeckt. Denn Büchners Text ist gespickt mit politischer Satire über die Zustände seiner Zeit.
„Mein Leben gähnt mich an wie ein weißer Bogen Papier“, sagt Leonce, der als Prinz nur mit seiner eigenen Langeweile kämpfen muss. Die angekündigte Hochzeit mit Prinzessin Lena soll mit einer vorzeitigen Thronfolge verbunden sein – eine Verantwortung, vor der Leonce flieht. Mit auf den Weg macht sich der Vagabund Valerio, großartig gespielt von Darren Kuck. Auch Prinzessin Lena (Chantal Schotemeier) will nicht in die für sie vorgesehene Rolle schlüpfen und entflieht mit ihrer Gouvernante (Jacqueline Wilkening). Da sich beide Adelskinder nicht kennen, wissen sie bei einem zufälligen Treffen nicht, in wen sie sich da gegenseitig verlieben. Dank eines Tricks von Valerio kommt es doch zur Hochzeit – und beide landen in den für sie vorgesehenen Lebensrollen.
„Glaubst du schon, dass du im Grunde willst, was du eigentlich tun musst?“, fragt Valerio hinterher kritisch. Und die Chorfiguren der Moderne hinterfragen, welche Erwartungen an junge Menschen heute gestellt werden. Bestimmt die Familie, bestimmen Gene oder Sozialisation, wer und was aus jungen Menschen wird? Die Fragen bleiben am Ende offen. Offen bleibt auch die Sehnsucht nach dem Traum der Jugend, auszureißen. Im Stück sprechen alle davon, nach Süden aufbrechen zu wollen, aber die Träume der Figuren von heute bleiben unter der Last des Alltags ebenfalls unerfüllt. So verläuft – auch fast 200 Jahre nach Büchners Zeit – das Leben nicht immer wie gewünscht.
Raum zum Lernen
Das Theaterspielen ermögliche, aus der eigenen Rolle herauszufallen und neue Perspektiven zu erkunden, sagt Torsten Lange: „Schüler haben die Möglichkeit, sich auf der Bühne auszuprobieren.“ So wählten die Jugendlichen ihre Rollen selbst. „Schülertheater ist ein Raum zum Lernen“, betont Torsten Lange. Neben fachlichen Kompetenzen wie der Texterschließung trage es dazu bei, Selbstbewusstsein und soziale Fähigkeiten zu fördern.
