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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Junger Mensch auf dem Irrweg

14.03.2016

Wilhelmshaven Ja, es ist ein Jugendstück, das der Autor Marius von Mayenburg inhaltlich so schwer bepackt hat. Und ja, es betrifft uns alle: religiöser Wahn, der gestern wie heute Kriege legitimiert. Jedes Mittel scheint den selbst ernannten Heilsbringern recht zu sein, ihre Aufträge auszuführen. Am Sonnabend hatte das Stück „Märtyrer“ Premiere im Stadttheater Wilhelmshaven.

Das Böse beginnt vordergründig ganz harmlos im Schwimmbad. Schwimmunterricht mit Mädchen im Bikini ist Anlass genug, dass der „ganz normal verhaltensauffällige“ Benjamin Südel seiner Auffälligkeit noch einen draufsetzt. Er sieht seine religiösen Gefühle durch anstößige Bikinis verletzt. So viel Auflehnung bringt Mutter Südel in Schieflage. Ramona Marx verkörpert diese gekonnt mit hilflosem Pragmatismus.

Knapp, präzise und urkomisch der Eingangsdialog, dann wird die Lage ernst. Mit christlichem Fanatismus und alttestamentarischen Bibelzitaten provoziert der Jung-Fundamentalist jeden, der ihm in die moralische Quere kommt. Schauspieler Gerrit Bernstein springt, klettert und rutscht mit beeindruckender Kondition und gigantischer Kopfmaske über eine simultan bespielbare Bühne (verantwortlich Carolin Mittler).

Eistüten, Taucherbrillen und Zahnbürsten, wie für Riesen gemacht, unterfüttern mit gewollter Überzeichnung den Plot. Regisseurin Eva Lange hat alle Mittel der szenischen Umsetzung ausgeschöpft und ein bemerkenswertes Bühnenstück produziert.

Verkopft, starr- und stumpfsinnig agieren entpersonalisierte Trikot-Puppen mit immer gleichen Spielzügen und hilflosen Versuchen, den Verirrten von seinem Märtyrer-Weg zurückzuholen. Wie es dazu kam? Niemand erfährt es, erst recht nicht das Schulpersonal – der Lehrkörper kann Benjamins Abdriften nicht aufhalten.

Der neue „Messias“ sucht sich einen Jünger. Georg (Falk Seifert) wird seinem „Herrn“ nicht bis zur letzten Konsequenz folgen. Auch Mitschülerin Lydia (Zenzi Huber) wirbt letztendlich vergeblich um Freundschaft.

Glänzend auf die Bühne gebracht sind die Figuren des auf gesellschaftlichen Konsens schielenden Schuldirektors Batzler (Lutz Faupel), des saftlosen Sportlehrers Markus Dörflinger (Aom Flury) und des Pfarrers Menrath (Johannes Simons). Ein ernsthafter Versuch, den verklärten Glaubenswahrheiten des Schülers beizukommen, gelingt nur der Biologielehrerin Erika Roth, von Amélie Miloy bravourös verkörpert. Dass sie selbst wegen ihres von der Umgebung sexuell interpretierten Bemühens um Benjamin zum Opfer wird, wirkt provokant, zumindest diskussionswürdig.

Sichtlich ergriffen von der Erkenntnis, dass Menschlichkeit Maßstab aller Dinge sein muss, applaudiert das Publikum dem Ensemble für die meisterhafte Umsetzung, für das kräfteraubende Maskenspiel hinter den Figuren, und sicher gilt der lang anhaltende Beifall der letzten, deutlich stärksten Szene: „Im Herbst kommen neue Schüler…“


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
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