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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der fröhlichste deutsche Pessimist

02.03.2019

Kaisborstel /Oldenburg „Wir haben jetzt nur noch eine Katze“, hat er mal bei einem Besuch gleich an der Tür gesagt. Das ist wichtig zu betonen, weil es bei vorherigen Besuchen auch schon mal acht oder zehn waren. Fünf lebten eine Zeit lang draußen, einige nur drinnen.

Eine Katze hieß Humpelchen, weil sie ein Bein nachzog. Offenbar gar nicht behindert, hockte damals die eine noch verbliebene Katze gerade auf dem höchsten Küchenschrank und linste misstrauisch runter.

Und Günter Kunerts Frau Marianne lächelte verständnisvoll dazu.

Leben im Minidorf

Was Katzen betrifft, so wurde sogar eine Zeit lang kolportiert, der Lyriker, Essayist und Prosaist, vor allem der Katzennarr, der Vorworte zu etlichen Katzenbildbänden lieferte, würde sich dereinst neben seinen Katzen im riesigen Garten seines abgelegenen Klinkerbaus beerdigen lassen. Mal abgesehen davon, dass so etwas in Deutschland „naturgemäß“ verboten ist, wozu er immer gern leicht grinst, hat er sich schon vor Jahren eine Grabstätte noch mit seiner ersten Frau Marianne in Berlin gekauft – auf dem riesigen jüdischen Friedhof in Weißensee.

„Da werde ich dann“, und da grinste er vor Monaten wieder spitzbübisch, „mit dem alten Freund Stefan Heym zur Geisterstunde spuken.“ Das wird hoffentlich noch lange hin sein. Denn jetzt, am 6. März, wird Kunert, der große, kritische und vielleicht klügste unserer Gegenwartsdichter, 90 Jahre alt.

Kunert sitzt, wenn er nicht am Schreibtisch hockt und auf einer alten Brother-Schreibmaschine rumtippt, am liebsten im riesigen Kaminzimmer des Hauses. Es ist das ehemalige Klassenzimmer der Dorfschule von Kaisborstel in Schleswig-Holstein, unweit von Itzehoe.

Ein Raum mit wenigen Büchern und ganz komischen Gemälden von Kunert. Der hat, obwohl er längst nicht mehr so mobil ist, in den vergangenen Jahren immer wieder Ausstellungen, darunter in Berlin. Neben der Prominenz kamen da mitunter so viele zur Vernissage, dass sich eine Schlange bildete. Seinen zeichnerischen Nachlass vermachte er übrigens dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, das ihm auch gegenwärtig zum Geburtstag eine Schau widmet.

Kunert ist eine Doppelbegabung. Er schreibt und er malt. Das Malen hat er ein paar Semester in Ostberlin studiert, vom Schreiben hat er fast immer gelebt. Er ist bis heute, was nicht viele wissen, einer unser meistgedruckten Schulbuchautoren. Aus seinen Räumen hat er in den vergangenen Jahren dennoch die meisten Bücher verbannt, vor allem die von fremden Autoren. „Danke, wir schreiben selbst!“, hat er mal auf seine listige Art auf das Buchgeschenk eines Ahnungslosen geantwortet.

Mit Biermann befreundet

Kunert hat eben eine Meinung, was heute ja nicht selbstverständlich ist. Damit hatte er sich redlich den Titel der „Kassandra von Kaisborstel“ verdient. Das Minidorf bei Itzehoe wurde so zum „Symbol des Schwarzsehers“. Wenn Kunert das hört, lacht er wunderbar. Für einen Pessimisten hat er ungeheuer viel Witz. Für einen düsteren Menschen lacht er viel zu hell. Warum dann doch der negative Grundton? „Weil die Welt“, erklärt er gebetsmühlenartig, „eben negativ ist.“ Um es mit einem Kunertschen Lieblingswort zu sagen: „Trostlos“. So manches Telefonat, wenn man alle Katastrophen, darunter die Bundespolitik oder die Umweltpolitik durchgesprochen hat, endet mit diesem Wort.

Kunert gehört zu denen, die früh auf die Umweltverschmutzung hinwiesen, zum Beispiel in Gedichten wie „Utopia II“. Gnadenlos hat er in den letzten Jahren das eigene Altern beschrieben. Und er ist bis heute einer der wenigen, die als DDR-Rausgeekelte das Üble der DDR-Diktatur verdeutlichen. Für Stasi-IMs, deren gab es viele in seinem Umfeld, hat er kein Verständnis: „Man musste ja nicht mitmachen! Keinem, der nicht mitmachte, ist was passiert!“

Die Zahl seiner Freunde ist enorm groß und gut gemischt. Wolf Biermann gehört selbstredend dazu. Im Zuge von dessen Ausbürgerung ging Kunert 1979 auch in den Westen. Johannes Mario Simmel war ein Freund. Mit Ralph Giordano verband ihn mehr als die Vorliebe für altes Blechspielzeug.

Das kenntnisreich gesammelte Blechspielzeug – inzwischen abgestoßen – hatte auch mit dem Nachholen von Kindheit zu tun. Die hat Kunert nicht gehabt, jedenfalls nicht so wie andere. Er hat als sogenannter Halbjude mit Glück die Nazizeit überlebt, viele Verwandte wurden in Vernichtungslagern vergast.

Über viele Jahre setzte er sich gern, solange er noch gut gehen konnte, auf seinen Rasentraktor. Ein knuffiges Ding, das ihm viel Spaß machte. Da war er knatternd über 5000 Quadratmeter Rasen unterwegs, die Katze flitzte aufgeregt ins Gebüsch. Vor einiger Zeit ist auch diese letzte Katze gestorben. Eine neue wollte er nicht mehr.

Kunert hat noch einmal nach dem Tod seiner Marianne geheiratet. Seiner Frau Erika hat er den jüngst erst wieder aufgefundenen Roman „Die zweite Frau“ gewidmet. Seinem abgelegenen Wohnort ist Kunert über viele Jahrzehnte treu geblieben. „Provinz“, sagt der gebürtige Berliner gern, „findet doch in den Köpfen statt.“

Freuen wir uns, dass wir Günter Kunert haben, diesen freundlichsten und fröhlichsten Menschen unter allen Pessimisten. Aber eigentlich ist er kein Pessimist, sondern leider ein Realist.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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