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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kalte Knochenhand am Po

04.07.2008

OLDENBURG Dass sie mit Hilfe der Kettensäge erschaffen wurde, ist der zierlichen Ni Hao nicht gleich anzusehen. Mit fließender Bewegung dreht sie ihren gelb angemalten Körper dem Betrachter zu. Der Gesichtsausdruck dagegen lässt schon eher auf ihre Herkunft schließen: Mit zornigem Blick reißt sie den Mund auf und zeigt die Zähne. Mit der ist nicht zu spaßen.

Und noch viel weniger mit dem Mädchen ein Stockwerk höher, das der Bildhauer Hans Scheib – anders als Ni Hao – nicht in Holz gearbeitet, sondern in Bronze gegossen hat. Lebensgroß auf einem Sockel stehend, ringt sie mit dem Tod – mit ungewissem Ausgang. Zwar krallt sich seine Knochenhand um ihren Po, sie aber umschlingt ihn mit dem rechten Bein, umfasst seinen Schädel mit beiden Händen und biegt diesen nach hinten, als wollte sie ihm das Genick brechen. Über der dramatischen Umarmung thront ihr Kopf, den Mund weit geöffnet, wobei der Schrei wohl eher ein Triumphgeheul sein dürfte.

Die Skulptur „Mädchen/Tod II“ bildet das Zentrum der umfangreichen Ausstellung, die der Kulturspeicher Oldenburg im Stadtmuseum präsentiert. Obwohl auch 15 Skulpturen zu sehen sind, ist die Schau eigentlich dem Grafiker Scheib gewidmet, der neben seinem plastischen Werk mehr als 800 Radierungen geschaffen hat – ausschließlich mit der „kalten Nadel“, das heißt ohne Ätzung, ohne die durch den chemischen Prozess entstehende Wärme.

Der radierende Bildhauer, 1949 in Potsdam geboren, den der Kulturspeicher 2003 mit seinen Holzskulpturen im Schloss ausgestellt hatte, ist ein Perfektionist. So roh und wildbewegt die Oberflächen der Skulpturen aussehen, so unprätentiös und flott gestrichelt oder schraffiert die Radierungen auch wirken, Scheib überlässt nichts dem Zufall. Akribisch hat er die Schau geplant, bis hin zur Farbe der Skulpturen-Sockel. Die mussten so grau wie die Uniformen sein, die die Nationale Volksarmee trug.

In der DDR durfte Scheib nicht auf Bronze hoffen und entdeckte für sich das Holz. Nun aber zeigt er, dass ihm nicht nur spröde Kiefernstämme liegen. Freunde, die eigene Enkeltochter, ein Galerist – Niepel aus Düsseldorf balanciert quasi auf seiner Krawatte – oder der kürzlich verstorbene Schriftsteller Wolfgang Hilbig erscheinen im kühlen Metall.

Die exakt aufgereihten Bronze-Köpfe finden ihre Pendants an den Wänden. Hilbig etwa, als modellierter Kopf noch ganz ansehnlich, scheint auf Papier vom Planet der Affen abzustammen. Das Äquivalent zum Mädchen im Todeskampf ist der wilde „Schreier“, dem alle Haare zu Berge stehen. Der Tod dagegen erscheint in aufrechter Eleganz als „Gast im Atelier“.

Die größte Gruppe der Radierungen bilden die Politiker-Köpfe: ein massiger Kohl, Genscher mit Fledermausohren, Lafontaine mit hervorspitzender Nase – allesamt ziemlich ernüchternd, wenn nicht beklemmend.

Die nächstgrößere Gruppe bilden die Tierdarstellungen des leidenschaftlichen Zoo-Besuchers. Von der Giraffe bis zum Ozelot, vom Marabu bis zum Zwergpinseläffchen ist fast jede Art vertreten. Selbst die Bremer Stadtmusikanten fehlen nicht. An der typischen Haustier-Pyramide irritiert allein die Tatsache, dass von ihnen nur die Skelette übrig geblieben sind. Dass sie dennoch quicklebendig wirken, hat mit der Radierkunst von Hans Scheib zu tun.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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