Oldenburg - Ist man hier richtig im Kunstverein? Alles so schön weiß hier: Statt Flächen findet man Wände, statt Bilder schon mal Leere. Thomas Zipp, einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler, hat sich den Raum untertan gemacht und mit zusätzlichen Wänden neu gegliedert.
Die generieren einerseits die klinisch sterile Andächtigkeit von Anstaltsfluren und umkapseln andererseits die klaustrophobe Schummrigkeit eines „Darkrooms“, wo in Endlos-Schleife ein Film über Einschluss und Eingeschlossensein läuft. Erst im hinteren Teil der Außenflure geleiten 100 schwarz gerahmte Din-A-5-Zeichnungen, Kritzeleien eher und Notate der Entfugung, den Suchenden ins Allerheiligste, den bekannten Innenraum.
Wahr und falsch
Hier nun ziemt es sich, in die Knie zu sinken. Satte 809 auf 378 Zentimeter misst die Leinwand, auf der Zipp unter dem kryptischen Titel „Achtung! A.B.: solarized deterritorialization insanity against protestantism (England attacked by the Americas)“ seine Auseinandersetzung mit Kunst und Geschichte, Moderne und Postmoderne formuliert.
Nichts Geringeres als Picassos „Guernica“, jenes vor 75 Jahren zur Pariser Weltausstellung entstandene Kolossalgemälde in etwa gleichen Ausmaßes, eine Ikone der modernen Malerei, überbaut und überladen mittlerweile von allen möglichen Be- und Zuschreibungen, dient ihm dabei als Folie.
Zipp (46), Professor für Malerei und Multimedia an der Uni der Künste Berlin, befasst sich seit 2005 mit der Idee, in der Rezeption von „Guernica“ fokussiere sich das von ihm wahrgenommene Phänomen gesellschaftlicher Gleichgültigkeit. Eine allgegenwärtige „Impotenz der Lethargie“ verbanne wahre Euphorie, bedinge Scheinexzesse oder „verweichlicht Unentschlossenes“.
Was nämlich bleibt, wenn man das Faszinosum „Guernica“ seines lokalen und damit geschichtlichen Bezugs beraubt? Was, wenn man es seiner emotionalisierenden Ingredienzen aus dem Formenalphabet Picassos entledigt, der Minotauren- und Pferdefiguren, der verzerrten Antlitze? Zipp führt es vor. Auf einem „Guernica“-Siebdruck, 1:1, kehrt er alles um, Hell und Dunkel, Wahr und Falsch.
Alle bedeutungsbeladenen Symbole werden durch Übermalen mit grauen Farbflächen eliminiert oder ersetzt durch spitz zulaufende Blasen in der Farbe geronnenen Blutes.
Leeres Geschwätz
Gemahnen sie an Bomben oder doch eher an Sprechblasen? Jedenfalls bewabern sie das kakophone Tableau durchaus bedrohlich. Manche sind umkränzt von Buchstaben, die sich zu Zitaten etwa von Martin Luther oder Sigmund Freud fügen. Weit geschweifte Linien verbinden die Inseln leeren Geschwätzes. Das Spinnennetz der Hülsenhaftigkeit hat alles im Griff.
Wie das Bild den Besucher. Er verweile auf einer der Bänke vor der Wand gegenüber und lasse das Bild auf sich wirken. Gedanken stellen sich von selbst ein, über Picasso und Politik, Kunst und Konzept. Und darüber, welch glücklicher Zufall dem Oldenburger Kunstverein diesen Denk-Raum beschert hat.
