München - Die Schere im Kopf kennt jeder, der schon mal für die Öffentlichkeit geschrieben hat. Ein nicht unbedingt nützliches Instrument, das man auch übertriebene Vorsicht oder Bedenken-Terror nennen könnte und das man rasch wieder aus dem Schädel bekommen sollte. Ganz schlimm wird es, wenn die Klingen nicht im Schädel sitzen, sondern von außen kommen: Links und rechts umfassen sie schon den Hals des Karikaturisten Horst Haitzinger, der sich ausnahmsweise mal selbst in Szene gesetzt hat. Die nackte Angst im Gesicht stottert er ins Telefon: „’Ne Karikatur über Islam-Fanatismus? Muss das sein??“
Das Leben eines Karikaturisten ist eben auch kein Honigschlecken. Nicht nur, dass ihm jeden Tag eine neue Pointe zum politischen Tagesgeschehen einfallen muss, nein, da gibt es offenbar noch ganz andere Zwänge. In diesem Fall hatte ein Mohammed schmähendes Video im Internet wieder zu heftigen Drohungen und Ausschreitungen in der islamischen Welt geführt.
So etwas kann einem Karikaturisten schon den Spaß an der Arbeit verleiden. Aber so lange er sich noch selbst auf die Schippe nehmen kann, ist alles in Ordnung. Jedenfalls hat sich Haitzinger im vergangenen Jahr von keiner Schere abhalten lassen und hat kein Thema ausgespart, um dazu einen seiner gewohnt bissigen, gezeichneten Kommentare abzugeben.
Im neuen Sammelband für das Jahr 2012/2013, der in den NWZ -Geschäftsstellen erhältlich ist, sind sie wieder alle versammelt (Stiebner Verlag, München, 72 Seiten, 11,80 Euro) und lassen das Jahr zurückspulen. Von einer Karikatur zur nächsten erhält der Leser im Schnelldurchlauf den Überblick, diesmal nicht bei der morgendlichen Zeitungslektüre, sondern kompakt und noch immer höchst aktuell.
Die Bandbreite reicht vom Pferdefleischskandal („Meine Lasagne hat gerade gewiehert“) über Claudia Roth auf Reha und den lieben Gott im Sessel, der nach Papst Benedikt XVI. auch schon über seinen Rücktritt nachdenkt, von „Ägyptischer Teufelsaustreibung“, ramponierter Justitia („Das muss die für den Fall Mollath zuständige sein!“) und NSU-Prozess bis zur SPD und ihrem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück beim Fettnapf-Hopping.
Allzu lange hält sich Haitzinger mit dem zurückliegenden Wahlkampf allerdings nicht auf, da gibt es für den Karikaturisten offenbar reizvollere Themen. Als da wären: Berliner Flughafen und US-Spähaktionen, Europa und Energiewende, Präsident Obama und der Plagiat-Jägermeister Denunziatus Schnüffler mit Diplom.
Immer auf den Punkt gebracht. Und immer ohne Schere im Kopf.
