Herr Meyer, Museumsbesuche sind nicht unbedingt der größte Kinderspaß – haben Sie als kleiner Junge lieber in der Vergangenheit als im Sandkasten gegraben?
MeyerNee. Gar nicht. Meine Eltern waren auch keine richtigen Museumsgänger. Mich hat mehr das alte Ägypten fasziniert. Darum habe ich später auch Archäologie studiert.
Was ja mit Mühlen nicht so viel zu tun hat...
MeyerIch habe mich auf Museumswissenschaften spezialisiert. Zu der Moorseer Mühle bin ich über die damalige Ausschreibung des Rüstringer Heimatbundes gekommen. Offen gestanden hatte ich bis dahin nichts mit der Materie am Hut. Trotzdem bin ich aus über 100 Bewerbern genommen worden. Vielleicht, weil ich im Vorstellungsgespräch vier von fünf Getreidesorten richtig erkannt habe.
Als Museumsleiter wissen Sie jetzt aber schon mehr...
MeyerKlar. Aber vor zehn Jahren, als ich angefangen habe, war es ein Sprung ins kalte Wasser. Zwei Wochen nach meinem ersten Arbeitstag hat hier die Sanierung der Mühle begonnen – ein Jahr lang habe ich den Handwerkern über die Schulter gucken können und die ganze Technik und Mechanik kennengelernt. Das war sehr lehrreich.
Und jetzt mahlen Sie Ihr Getreide für’s Bot selbst?
MeyerMein Brot kaufe ich im Laden. Was hier gemahlen wird, ist nicht zum menschlichen Verzehr geeignet – den Weizenschrot bekommen Kälber. Da sind Motten, Mäuse und was weiß ich nicht was alles drin. Aber das Müllerhandwerk habe ich tatsächlich gelernt – in einem Volkshochschulseminar. Wie die anderen ehrenamtlichen Freien Müller bin ich damit lizenziert, die Mühle in Betrieb zu setzen. Das machen wir zu besonderen Aktionstagen – Sonntag natürlich auch.
Gibt es denn gar keine richtigen Müller mehr, die unser Getreide mahlen?
MeyerAls Lehrberuf gibt es nur noch den Industriemüller. Und der arbeitet nicht mehr in solchen historischen Mühlen, sondern an Maschinen.
Wie schade...
MeyerAlso ich wäre nicht gerne Müller im vorigen Jahrhundert gewesen. Das war ein Knochenjob, bei dem man 120-Kilo-Säcke schleppen musste. Verdammt gefährlich war es außerdem. Wenn einen die Flügel treffen, ist Feierabend. Mal ganz abgesehen von der Staublunge, an der die meisten früher oder später gestorben sind. Eine Mühle war kein romantischer Ort zum Verweilen.
Schwingt bei Ihnen so gar keine Nostalgie mit, wenn Sie vor dem alten Gemäuer stehen?
MeyerIch leb’ ganz gerne in der Moderne.
Als Museumsleiter?
MeyerIst mein Job auch in erster Line Verwaltungsarbeit und Veranstaltungsorganisation – mit Telefon, Email und allem, was dazu gehört. Wenn ich zwischen den alten Möbeln hier stehe, kriege ich keine feuchten Augen.
Antiquitäten tolerieren Sie dann nur bei der Arbeit?
MeyerZuhause weniger. Wenn, nur meiner Frau zuliebe.
Mögen Sie in der Freizeit denn in der Vergangenheit stöbern oder gehen Sie gar nicht ins Museum?
MeyerDoch. Aber auch hier am liebsten in moderne Ausstellungen. Ich gucke mir auch gerne Kunst an – die von heute. Leider habe ich immer diesen Berufsblick und achte mehr auf Lichttechnik und Präsentation als auf die Ausstellungsobjekte.
Sonntag richten Sie Ihren Blick aber nur aufs eigene Arbeitsumfeld, oder?
MeyerJa, da bin ich hier voll beschäftigt. Der internationale Museumstag ist für uns auch immer Generalprobe für den Mühlentag am Pfingstmontag, da brennt hier die Hütte. Übrigens kommen auch viele Kinder.
Womit locken Sie die?
MeyerMit moderner Museumsarbeit und spannenden Aktionen.
Ist das Ihr Erfolgsrezept?
MeyerIch denke. Wir haben jährlich 10 500 Besucher. Darunter sind viele Familien und Schulklassen. Die kommen, weil es hier was zu erleben gibt und nicht einfach staubige Möbel herumstehen.
Also doch Museumsbesuch als Kinderspaß?
MeyerMehr als das. Moderne Museumsarbeit schafft Emotionen. Wir vermitteln Wissen, ohne, dass die Leute es merken – beim Brotbacken und Imkern, auf Exkursionen, in der Wollwerkstatt, am Spinnrad – hier gibt es viel zu erleben. Vor längerer Zeit war eine Schulklasse bei uns, die Kinder erinnern sich noch heute an den Besuch, weil eines der Schafe so laut gepupst hat. Sowas bleibt hängen.
