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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kein Schweigen mehr über den Odenwald-Skandal

23.09.2015

Bielefeld Er wird in einem Atemzug genannt mit Johann Heinrich Pestalozzi oder Maria Montessori. In dem 2010 erschienenen Buch „Zeitgemäße Klassiker der Pädagogik“ steht der Name Hartmut von Hentig ebenso auf dem Buchtitel wie Martin Buber oder Friedrich Nietzsche. Er gilt als Vordenker der Gesamtschule. Seit ein paar Jahren gibt es allerdings einen Schatten: den Skandal um sexuellen Missbrauch an der 2015 geschlossenen Odenwaldschule. Sein enger Freund Gerold Becker (1936-2010) war dort lange Leiter. Vor seinem 90. Geburtstag am 23. September äußert sich Hentig erstmals wieder.

Zuletzt hat sich von Hentig dazu vor fünf Jahren in Medien erklärt. Jetzt bezeichnet er es als Fehler, sich damals nicht deutlicher ausgedrückt zu haben. In einem Briefwechsel schreibt von Hentig: „Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt. Sie werden „abscheulich“, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind.“

Von Hentig zog Anfang der 90er Jahre vom westfälischen Bielefeld nach Berlin. Dort wohnte er mit dem 2010 gestorbenen Ex-Schulleiter Becker in einem Haus, aber in zwei Wohnungen. Von Hentig wurde Mitwissertum vorgeworfen. Er bestreitet das. Becker stand in den 70er und 80er Jahren an der Spitze der Schule.

Der dpa schreibt von Hentig, dass es für ihn bis zum Jahr 2010 keinen Grund gegeben habe, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das Thema sexuelle Übergriffe in der Schule sei für ihn neu gewesen. „Die kindlichen und jugendlichen Opfer der Straftaten haben mein tiefes Mitgefühl. Keines von ihnen hat seinen Schulleiter „verführt“ - dies habe ich auch nie behauptet, wie man mir unterstellt. Es war ein Fehler, dies nicht immer schon als Erstes gesagt zu haben.“

Bei „Spiegel Online“ stellte von Hentig bereits 2010 klar, dass Becker kein Lebensgefährte, sondern Freund und Nachbar gewesen sei. Der Pädagoge betont heute, dass er damals mehrfach falsch zitiert und verstanden worden sei. Rechtfertigen will er sich aber nicht. „Wenn mein Lebenswerk nicht für mich einsteht, wird das die Richtigstellung von Zitaten gewiss nicht bewirken“, teilt er mit.

Das Lebenswerk des Pädagogen von Hentig umfasst fast 70 Buchveröffentlichungen (etwa „Wie hoch ist die Höhere Schule?“, 1962). Nachdem von Hentig 2010 in den Sog des Odenwald-Skandals geriet, wurde es ruhiger um den in Posen geborenen von Hentig. Er schrieb weiter, allerdings für die Schublade, wie er bedauert. Die Verlage wollten seine Werke nicht mehr drucken.

Seine Ideen sind eng verbunden mit einer neuen Schullandschaft in Deutschland. Schule sollte nicht trennen, Inklusion zählte für von Hentig von Anfang an dazu. Lernen durch Verstehen und die Trennung von strikter Notengebung basieren ebenso auf seinen Überlegungen wie die Gesamtschule.

Die Schule sollte nicht nur ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche in Hauptschule, Realschule oder Gymnasium Lernstoff vermittelt bekommen, sondern als Modell stehen für das Leben in der Gesellschaft.

Als eines seiner Hauptmotive für sein lebenslanges Interesse an der Pädagogik nennt von Hentig das Verhindern eines zweiten 1933, also einer Machtübernahme von Nazis. Eine zeitgemäße Pädagogik sollte dazu beitragen, einen neuen Faschismus zu verhindern.

Wofür steht der Reformpädagoge und Latein-Lehrer von Hentig? „Nichts lehren, was mir selber nicht wichtig ist“, lautet einer seiner Grundsätze. Schüler sollten etwas erfahren und nicht bloß belehrt werden („Erkennen durch Handeln“).

An der Uni Bielefeld gründete von Hentig 1974 die Laborschule und das Oberstufenkolleg. Mit diesen staatlichen Versuchsschulen revolutionierte er die Bildungslandschaft der Bundesrepublik. Mit seiner Forderung, dass Lehramtskandidaten - vergleichbar mit angehenden Ärzten an Unikliniken - im Studium auch direkt Praxis üben und unterrichten, setzte sich der Professor allerdings nicht durch.

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