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Kinderkuren TV-Doku und Buch beleuchten dunkle Seiten der Kinderlandverschickung

Torben Rosenbohm
Nicht immer sorglos: Das Foto zeigt Kinder beim Tanzen in einem Kurheim in Bad Dürrheim 1959.

Nicht immer sorglos: Das Foto zeigt Kinder beim Tanzen in einem Kurheim in Bad Dürrheim 1959.

dpa

Oldenburg - Ganz genau hinschauen und zuhören dürften an diesem Montag viele Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn die TV-Dokumentation „Verschickungskinder – Missbrauch und Gewalt bei Kinderkuren“ ausgestrahlt wird (Das Erste, 23 Uhr). Denn das Programm dieser wochenlangen Heilmaßnahmen war ein echtes Massenphänomen.

Millionenfache Kinderkuren

„Bis in die 90er-Jahre finden innerhalb der BRD, der DDR und im Ausland schätzungsweise über 15 Millionen Kinderkuren statt“, heißt es im drei Tage nach der Ausstrahlung erscheinenden Buch „Verschickungskinder“ von Lena Gilhaus, die für die 45-minütige Sendung in der Reihe „ARD History“ verantwortlich zeichnet. Die Politikwissenschaftlerin arbeitet als Radio- und Fernsehautorin und hatte sich schon zuvor mit dem Thema für verschiedene Beiträge befasst.

Lesung in Oldenburg

Lena Gillhaus stellt am Montag, 9. Oktober, ihr Buch „Verschickungskinder“ auf Einladung der Buchhandlung Isensee im Theater Laboratorium (Kleine Straße 8) vor. Karten bei Isensee (Haarenstraße) oder unter 0441 361424-10.

 Das Buch „Verschickungskinder“, Eine verdrängte Geschichte; Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, Eur,o erscheint am 6. Juli.

Die neue Fernseh-Doku, die bereits in der ARD-Mediathek verfügbar ist, und das Buch beleuchten nun noch einmal ausführlicher zahlreiche Aspekte der sogenannten Kinderverschickung, die für Millionen Menschen in der Vergangenheit prägend war.

Vater motivierte Lena Gilhaus

Lena Gilhaus wurde durch Erzählungen ihres Vaters motiviert, sich noch eingehender mit dem Phänomen zu befassen. Entsprechend kommen er und seine Schwester sowohl im Buch als auch in der Doku zu Wort. Die Autorin hat mit beiden eine Fahrt nach Sylt unternommen, um Spuren der einstigen Kur aufzufinden.

Auf Spurensuche begibt sie sich aber nicht nur in diesem persönlichen Fall, sondern auch im Zusammenspiel mit anderen Menschen, die über ihre Kur-Erfahrungen sprechen. Dabei stößt sie auf viele Geschichten, die zum Teil drastische Inhalte ans Licht bringen. Es mögen viele Menschen positive Erinnerungen an die Kinderkuren haben, es gab allerdings auch – und ihre Recherchen zeigen, dass es beileibe nicht um Einzelfälle geht – körperliche Bestrafungen, psychischen Druck, sexuelle Gewalt und sogar Todesfälle.

Schweigen der Institutionen

Wenig überraschend bei diesem Thema: Lena Gilhaus stößt immer wieder auf Mauern des Schweigens, gelegentlich öffnen sich aber auch Institutionen und mit ihnen verbundene Menschen. So lässt sie beispielsweise nicht locker bei der Kontaktaufnahme zu den Thuiner Franziskanerinnen und kommt dort schließlich doch ins Gespräch. Juristisch, und das macht die Betroffenen besonders unglücklich, greifen übrigens Verjährungsfristen – mit Blick auf einen Mann, der sich nach erfolgloser Therapie das Leben nahm, eine überaus tragische Erkenntnis für die Hinterbliebenen.

Die TV-Doku bringt die Erkenntnisse fokussiert auf den Punkt, das Buch geht inhaltlich noch mehr in die Tiefe. Lena Gilhaus beschreibt die Abläufe der Kinderkuren, forscht nach historischen Wurzeln, lässt Menschen sprechen und erzählt entlang der Geschichte ihres Vaters und ihrer Tante. Das Thema dürfte nicht zuletzt dank der TV-Doku nun ein noch viel häufiger diskutiertes sein, denn bei vielen, vor allem älteren, Menschen wird es Erinnerungen aufkommen lassen an die eigene Zeit in einer Kinderkur. Ein Massenphänomen, auf dem nicht selten ein dunkler Schatten liegt.

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