Fürs Verfassen eigener und die Lektüre fremder Tagebücher hat Roland Barthes vier Motive benannt: Erstens die Demonstration eines bestimmten, literarischen Stils; zweitens „die Spuren einer Epoche“ festzuhalten; drittens die Darstellung der „täglichen kleinen Münze“ eines Autors; und viertens das Tagebuch als „Werkstatt richtiger Sätze“ einzurichten. (Roland Barthes: „Das Rauschen der Sprache“, edition suhrkamp 1695, 16 Euro)
Eine Sonderform des Tagebuchs bildet das Log- oder Bordbuch, das Schiffskapitäne führen. Sein funktionaler Charakter kann unter Umständen, wie beispielsweise im Fall des Christoph Kolumbus, zu einem kulturhistorischen Dokument ersten Ranges werden. Erhalten ist es lediglich in der Kopie eines Mitreisenden. Der Übersetzer dieser modernen Fassung hat es jedoch in wörtliche Rede rückübertragen und damit Kolumbus selbst in den Mund gelegt. (Christoph Kolumbus: „Bordbuch“, insel tb 3161, 10 Euro)
Für die Tagebücher Walter Kempowskis treffen alle vier von Barthes genannten Motive geradezu idealtypisch zu. Aus alltäglichen, scheinbar banalen Gegebenheiten und Beobachtungen wird hier ein hintergründiges Zeitbild gewonnen und zugleich ein ebenso ironisches wie ehrliches Selbstporträt des Autors geliefert. Sirius umfasst das Jahr 1983, in dem Kempowski seinen Roman „Hundstage“ schrieb, ist jedoch durchsetzt von Kommentaren von 1990, dem Jahr der Erstveröffentlichung. (Walter Kempwoski: „Sirius. Eine Art Tagebuch“, btb 73419, 11 Euro)
„Die Spuren einer Epoche“ finden sich auch in Rudi Dutschkes Tagebüchern, die zwar literarisch unambitioniert sind, aber zum Verständnis der wildbewegten 60er- und 70er-Jahre allerlei interessante Details beisteuern. Der charismatische und hoch intelligente Kopf der Studentenbewegung, der 1979 an den Spätfolgen des Attentats auf ihn starb, offenbart in diesen Aufzeichnungen Scharfsinn und Sensibilität. (Rudi Dutschke: „Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979“, btb 73202, 10 Euro)
Als „dünne Hefte, stille Mitwisser meiner Zweifel“ beschreibt die französische Schauspielerin Catherine Deneuve bescheiden ihre Tagebücher, die neben allerlei gehobenem Schickeria-Klatsch allerdings auch Hintergründiges übers Filmgeschäft beisteuern und sich erfreulich unprätentiös lesen. (Catherine Deneuve: „In meinem Schatten. Tagebücher“, Diana TB 35107, 12 Euro)
