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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Am liebsten wäre er wieder in Moskau

19.03.2018

Köln Fritz Pleitgen braucht keine Klingel, denn bevor man gedrückt hat, schlägt der Hund an. Es muss ein ziemlich großes Tier sein. Man hört lautes Gebell, dann eine Frauenstimme, dann nichts mehr. Einige Zeit später öffnet sich die Tür, und Pleitgen steht da mit Handy am Ohr. Wie sich herausstellt, ist ihm beim Schreiben einer Rede der Computer abgestürzt. Jetzt braucht er Hilfe.

Recht bescheiden

Er scheint aber nicht unerfreut über die Unterbrechung. In seinem Arbeitszimmer liegen überall ausgedruckte Seiten. Noch eben kurz ein weißes Hemd und ein Sakko fürs Foto, dann ist er fertig und beginnt zu erzählen. Seine Stimme hört sich noch immer genauso an wie damals, tief in den 70er Jahren, als er sich mit Pelzkappe auf dem Kopf aus Moskau meldete.

Während er spricht, sitzt er vor einem Bücherregal, dessen Inhalt von seinem Reporterleben zeugt. Die Bücher beschäftigen sich vorzugsweise mit Russland und den USA. Dazwischen das Handbuch „Gartenteiche“. Auf Repräsentation ist diese Bücherwand nicht ausgerichtet, so wie das unauffällige Eigenheim in Bergisch Gladbach bei Köln überhaupt recht bescheiden wirkt. Zumindest in Anbetracht der Tatsache, dass Pleitgen nach seiner Korrespondententätigkeit noch Hörfunkdirektor und zwei Mal Intendant seines Haussenders WDR war.

Pleitgen wird am 21. März 80. Er sieht jünger aus und bewegt sich nicht wie ein alter Mann. Aber hundertprozentig fit ist er nicht mehr. Den Plan, seine Memoiren zu schreiben, musste er wegen einer Herzmuskelentzündung aufgeben. Über seinen Geburtstag hat er zum allerersten Mal in seinem Leben einen Erholungsurlaub geplant. Er fliegt in den Oman. Achtung, Einbrecher: Das Haus steht in dieser Zeit nicht leer. „Zwei Studenten und unser wachsamer 50-Kilo-Hund passen auf.“

Im Urlaub muss er ein paar Bücher lesen, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Auch da geht es wieder entweder um Russland oder um Heinrich Böll. Mit Böll verband ihn die Freundschaft zu dem russischen Dissidenten Lew Kopelew (1912– 1997). Heute ist sein Sohn Frederik Pleitgen ebenfalls Moskau-Korrespondent – für CNN. „Drolligerweise wohnt er im selben Haus wie wir damals.“

„Wir haben ein gutes kollegiales Verhältnis“, sagt er über sich und seinen Sohn. „Jeder respektiert die Position des Anderen. Er ist CNN und ich öffentlich-rechtlich. Er ist ein viel besserer Livereporter als ich es je war, dafür verstehe ich mehr vom Filmemachen.“ Stichwort Moskau: „Ich beneide ihn darum. Ich würde gerne ein Feature über diese Stadt machen.“

Mit 50-Kilo-Hund

Fritz Pleitgen schaut aus dem Fenster. Er erzählt von seiner Jugend im Ruhrgebiet, als die Bomben fielen. Von seinen ersten Gehversuchen als Journalist, dem Wechsel zum WDR. „Die Bundesrepublik hat sich im Laufe der Jahrzehnte enorm zu ihrem Vorteil entwickelt“, meint er. „Wir waren früher nicht das weltoffene und aufgeschlossene Volk von heute, sondern eher spießig.“ Zu dieser Öffnung, so glaubt er, hat auch das Fernsehen seinen Teil beigetragen.

Nun muss er aber noch mal ran an die Rede, die ihm auf dem Computer mittags abgestürzt ist. „Wissen Sie, wie Sie jetzt zurückkommen?“, fragt er noch. „Einfach immer auf den Dom zufahren!“ Er grinst und schließt die Tür. Und der 50-Kilo-Hund? Hat sich dünne gemacht.

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