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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Patientin kämpft für ihr Recht auf Selbstbestimmung

27.04.2018

Köln Ein Ort des Horrors und der Entwürdigung – dieses düstere Bild hatte 1975 der Kinoklassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ von der Psychiatrie gezeichnet. Ähnlich wie US-Regisseur Miloš Forman, aber doch ganz anders greift nun sein Kollege Bille August (69) das Tabuthema auf und zwar nach einer wahren Begebenheit. Nüchterner, aber nicht weniger spannend und nicht weniger berührend.

1985, St. Mary’s Hospital in San Francisco: Gleich drei Pfleger sind nötig, um die protestierende Patientin in ihrem weißen Klinikkittelchen zu überwältigen, sie auf eine Gummimatratze zu werfen und ihr trotz aller Gegenwehr eine Spritze zu verpassen. Eleanor Riese hat keine Chance, niemand reagiert auf ihre Schreie „Zu viel, ihr gebt mir zu viel!“. Allein gelassen in der Isolationszelle der psychiatrischen Abteilung erleidet sie einen Krampfanfall.

Krasse Bilder

Der dänische Regisseur scheut sich in seinem Film „Eleanor & Colette“ (Kinostart an diesem Donnerstag) nicht vor krassen Bildern. Je genauer er hinschaut, desto deutlicher wird das Unrecht, das bis in die 1980er Jahre in psychiatrischen Kliniken Amerikas zum Alltag gehörte. Erst als Eleanor zusammen mit ihrer Anwältin Colette Hughes – wie David gegen Goliath – den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen Pharmaindustrie und Gesundheitssystem aufnahm, wurde Letzteres reformiert. Ein Erfolg, von dem 150 000 Menschen profitierten, die seinerzeit in den USA ohne ihre Einwilligung mit schwersten Medikamenten gegen ihre psychischen Krankheiten behandelt wurden. Sie hatten „weniger Selbstbestimmung über ihren Körper als Straftäter im Gefängnis“, heißt es im Film.

Tatsächlich war die US-Amerikanerin Eleanor Riese als Spätfolge einer kindlichen Gehirnhautentzündung im Alter von 25 Jahren an Schizophrenie erkrankt, die über Jahre mit einem Neuroleptikum behandelt wurde. Als die schädlichen Nebenwirkungen des Medikaments immer stärker wurden, musste die Therapie umgestellt werden. Doch auch die alternativen Präparate schädigten ihre Organe, vor allem Blase und Nieren. Schließlich lieferte sich Riese freiwillig mit akuten Symptomen in ein Krankenhaus ein. Als sie sich jedoch weigerte, verschiedene Substanzen zu nehmen, die sie nicht vertrug, wurde ihr die Medikamente zwangsweise und intravenös verabreicht. Sie selbst wurde unter Betreuung gestellt.

Dass sie als psychisch Kranke kein Recht auf die Ablehnung einer medizinischen Behandlung haben sollte, wollte Eleanor Riese nicht akzeptieren und schaltete die Patientenanwältin Colette Hughes ein, um das Krankenhaus von San Francisco wegen Misshandlung zu verklagen. Regisseur Bille August hat die Szene dramaturgisch geschickt nach der drastischen, entwürdigenden Zwangsbehandlung gesetzt. Wie Helena Bonham Carter als Eleanor mit wirrem Haar und irrem Blick die Wählscheibe des Telefons traktiert, ist eine der vielen aufwühlenden Szenen des Films, der von der Mimik seiner beiden Hauptdarstellerinnen lebt.

Ohne viel Pathos

Neben der Britin Bonham Carter (51) als exzentrische, laute und unerschrockene Eleanor spielt die Amerikanerin Hilary Swank (43, „Million Dollar Baby“) die noch unerfahrene, aber betont professionell wirkende Anwältin Colette Hughes, die zuvor als Krankenschwester gearbeitet hatte. Die zweifache Oscar-Preisträgerin ist in ihrer Rolle als kontrolliertes Arbeitstier, das alle paar Minuten auf die Uhr schaut, von Termin zu Termin hetzt und schließlich an seine Grenzen kommt, ein außergewöhnliches Pendant in diesem Kämpfer-Duo.

Bille August, der mit Filmen wie „Das Geisterhaus“ und „Fräulein Smillas Gefühl für Schnee“ das Kinopublikum begeisterte, inszeniert die Geschichte chronologisch und entlang der bekannten Fakten, ohne viel Pathos, ohne aufdringliche Gefühligkeit. Gedreht wurde in San Francisco und in Nordrhein-Westfalen, unter anderem in der Stadt Köln auf der Außentreppe und im Eingangsbereich des Deutzer Eduardus-Krankenhauses. Der englische Originaltitel „55 Steps“ (55 Stufen) bezieht sich auf die Treppen, die Eleanor so schwer fallen und die sie zählt auf ihrem beschwerlichen Weg ins Gericht. Eine Metapher, die Bille August aber nicht überstrapaziert.

Für Psychiatriepatienten in den Vereinigten Staaten war das Urteil, das Riese 1987 mit Hilfe ihrer Anwältin erreichte, ein Durchbruch und Meilenstein. Der State Court in Kalifornien entschied, dass auch zwangseingelieferte Patienten das Recht haben, über die Anwendung von Psychopharmaka informiert zu werden und mitzubestimmen. Eine unfreiwillige Behandlung konnte von da an nur noch mit einer richterlichen Entscheidung durchgesetzt werden.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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