KöLN - Wer Leonardo di Caprio nicht mag, wird Erik Fosnes Hansens einzigartiges Buch über den Untergang der Titanic lieben. „Choral am Ende der Reise“ heißt dieses ernste, nie kitschige Prosawerk. Vor Jahren erklomm der Roman über das Orchester des Dampfers die Bestsellerlisten. Die Rezensenten überschlugen sich, der Autor wurde fast erdrückt vom Zuspruch. Lange brauchte er, um sich davon zu erholen. Ein Autor – ein Erfolg?

Nein, der Norweger Hansen ist nicht der Deutsche Ulrich Plenzdorf, von dem nur „Die neuen Leiden des jungen W.“ im Gedächtnis haften bleiben werden – eine ungerechte Sache. Hansen hat jetzt ein neues Buch geschrieben, eines, das unzeitgemäß ist, ruhig erzählt, und ein Thema vom Anfang des 20. Jahrhunderts aufgreift.

Wie kam er auf das „Löwenmädchen“? Hansen lacht trocken. „Ich saß eines Tages mit einem anderen Mann im Restaurant in Oslo. Wir sprachen über Begierde, über Sachen, die man haben muss“, parliert er im fast akzentfreien Deutsch. Und irgendwann sei man bei Schönheitsidealen gelandet. Da kam heraus, was herauskommt, wenn zwei Männer beim Bier über Frauen reden: „Die Mädchen von Rubens wurden doch anders beurteilt als Twiggy im 20. Jahrhundert“, unterstreicht Hansen, und er sitzt dabei nicht am Stammtisch. Im nächsten Satz erzählt er schon von den Frauen, die man einst als Monster und Mutationen im Zirkus oder Panoptikum vorführte: enorm fett, mit Bart, „und ähnliche Geschichten“. „Die hatten ihre Freier! Da standen die Männer Schlange!“ Als er sich das bewusst gemacht habe, habe er begonnen, das „Löwenmädchen“ zu schreiben, jene Geschichte über eine Außenseiterin, die durch einen Gendefekt mit totaler Körperbehaarung in der norwegischen Provinz zur Welt kommt. „Wir werden alle durch

unser Äußeres eingeschätzt.“ Deshalb habe er seiner Hauptfigur Eva den Pelz verpasst. „Die junge Frau wird später wegen ihres exotischen Aussehens begehrt! Und das weiß die haargenau!“ „Naja“, sagt Hansen nach einer Pause, „irgendwie sind wir alle exotische Fälle.“

Heute gibt es auf der Welt ungefähr 15 Menschen, die tatsächlich so aussehen, wie die von Hansen geschilderte Eva: von oben bis unten behaart. Diese „Haarmenschen“ oder „Wolfsmenschen“ leiden unter Hypertrichose lanuginosa. Auch ein chinesischer Sänger soll darunter leiden, so Hansen. Der musste sich mal die Haare im Ohr wegoperieren lassen, weil er seine eigene Musik nicht mehr hörte.

Die Welt sei seit dem 19. Jahrhundert nicht besser geworden, sagt Hansen, der den Film „Der Elefantenmensch“ liebt. Kuriositäten-Kabinette seien doch eine ehrliche Sache gewesen: „Eine große Freak-Show aus Zwergen oder Schuppenmenschen.“

Als er selbst mal unter so „Unnormalen“ war, sei ihm aufgefallen, das er plötzlich als relativ normaler Mensch die Ausnahme gewesen sei: „Eine seltsame Situation.“ „Man soll nicht glotzen“, bringt Hansen trotzdem seinem Sohn bei. Das sei höflicher. Indes: „Wir könnten uns nicht gegen unsere Neugier wehren.“