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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Im Geschlechterkampf

16.01.2017

Wilhelmshaven Der literarische Realismus hat Ende des 19. Jahrhunderts zwei „Schwestern“ hervorgebracht, die Opfer gesellschaftlicher Konventionen werden und bis heute Stoff für Interpretationen liefern: Lew Tolstois Anna Karenina und Theodor Fontanes Effi Briest.

Doch während Anna Kareninas Ehe und schließlich ihr Leben an ihrer verzweifelten Liebe zu Graf Wronskij zerbrechen, ist es bei Effi Briest eher jugendlicher Leichtsinn, der sie in die Arme des „Damenmanns“ Major Crampas treibt. Ihr schlechtes Gewissen ist für sie erträglich.

Erst ein Zufall lässt die Affäre Jahre später auffliegen – und führt im Zwang des adeligen Ehrenkodex‘ im kaiserlichen Deutschland zu einem tragischen Ende. Ihr gehörnter Ehemann, Baron von Innstetten, fordert Crampas entgegen seiner inneren Bereitschaft, die Sache diskret aus der Welt zu schaffen, zum Duell auf. Der Major fällt, Effi wird verstoßen, Konventionen siegen über das Leben. Wie viel Liebe im Spiel war, bleibt in Fontanes Erfolgsroman – anders als bei Tolstois „Anna Karenina“ – diffus.

Die Inszenierung der Landesbühne Nord unter der Regie von Tanja Weidner arbeitet das wunderbar heraus. Es geht nicht um Schuld in einem Geschlechterkampf, sondern um die immer aktuelle Frage, was passiert, wenn der gesellschaftliche (oder politische oder religiöse) Rahmen wichtiger ist als die zwischenmenschlichen Beziehungen.

So spielt der Rahmen auch optisch eine Hauptrolle in der sehr gelungenen Inszenierung, mit der die Landesbühne in ihrer kleinen Spielstätte TheOs am Samstagabend Premiere feierte. Das exzellente Bühnenbild von Stefan Bleidorn besteht aus zwei asymmetrischen, ineinander geschobenen Holzrahmen, die in der Mitte mit einer Achse verbunden sind und außen auf Rollen bewegt werden können. Die offenen Räume von Effis Elternhaus verwandeln sich mit ein paar Handgriffen in das immer enger werdende „Spukhaus“ in Kessin, in das Effi nach der Hochzeit mit ihrem wesentlich älteren Mann ziehen muss und in dem ihr als „Gespenst“ ein Chinese erscheint, der ihre Ängste vor Fremdem und gleichzeitig ihre Sehnsucht nach Exotik verkörpert.

Später, in Berlin, werden die Räume wieder weiter – bis der Ehebruch Effi einholt und ihrem gesellschaftlichen Aufstieg als Gattin des Karriere-Beamten Innstetten ein jähes Ende setzt.

Alina Müller zeigt Effi zwischen kindlicher Unbefangenheit und (anerzogenem) Pragmatismus. „Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein können, dann bin ich für Reichtum und ein vornehmes Haus“, sagt sie. Ganz im Sinne ihrer beherrschten Mutter (wunderbar gespielt von Ramona Marx), die – Ironie des Schicksals – einst auf ihre Liebe zu Baron von Innstetten verzichtete und als bessere Partie Herrn von Briest (Helmut Rühl) heiratete.

Für den Verführer Major Crampas, dem Orhan Müstak eine charmante Melancholie verleiht, ist Effi nur eine von vielen Eroberungen. Dem Kodex folgend, stellt er sich aber dem Duell mit Innstetten. Dieser (gespielt von Aom Flury) bleibt blass, tut einem fast ein bisschen leid mit seiner Aufgesetztheit und seinen hilflosen Gefühlen für Effi, die er für Liebe hält.

Ensembleleistung (mit dabei ist noch Aida-Ira El-Eslambouly in mehreren Nebenrollen), Musik, Kulisse – alles passt in diesem gut zweistündigen Stück. Mehrere Aufführungen sind schon ausverkauft. Das TheOs am Wilhelmshavener Bontekai hat sich als zweite Spielstätte der Landesbühne ein Jahr nach der Eröffnung etabliert – und startet nun mit einem sehenswerten Klassiker ins zweite Jahr.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Ulrich Schönborn
stv. Chefredakteur
Chefredaktion
Tel:
0441 9988 2004

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