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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Internationale Tanztage: Kräftig auf den Kopf gestellt

11.05.2017

Oldenburg Hervé Koubi kann kein Deutsch, versuchte es aber auf Deutsch – an der Rampe, vor dem roten Vorhang, vor der Aufführung im Großen Haus. Seine kleine Rede hatte sich der Choreograf einfach lautmalerisch aufgeschrieben. Er sei Franzose, stamme aus Cannes. Seine Wurzeln lägen aber in Algerien. Er sei eigentlich Araber.

Das habe er erst spät in seinem Leben, als 25-Jähriger, erfahren. Und es sei ein Schock für ihn gewesen. Er reiste sofort nach Algerien und rekrutierte Tänzer von der Straße weg („gefundene Brüder“). Schlusssatz seiner kleinen, mit niedlichem Akzent vorgetragenen Rede: Familiäre Wurzeln sind stärker als Nationalität.

Dann lässt Koubi, inzwischen 43, im Großen Haus des Staatstheaters in einer rasanten Choreografie seine Identität bebildern. 15 Tänzer verschmelzen Bodenturnen mit Akrobatik, machen Salti, Riesensprünge und tiefste Hechter. Sie stellen sich mit dem Rücken zum Publikum auf und lassen die muskelbepacken Schultern wogen. Kernig ist das, was die Männer mit freier Brust in weißen Leinenhosen und angedeuteten Lendenschurzen vortragen.

Pirouetten werden irrsinnig lang gewirbelt – den Kopf dabei auf dem Bühnenboden. Sozusagen der umgedrehte Derwisch. Gruppen schreiten wie in Zeitlupe. Andere werfen aus einem Knäuel von Leibern einen hoch und fangen ihn nach weitem Flug sanft auf. Aber so, dass einem beim Zuschauen der Atem stockt.

Die Kondition der algerischen Truppe ist sensationell, die Musikmischung furios: traditionelle Sufi-Musik verschmilzt locker mit Johann Sebastian Bach. HipHop-Teile ergänzen traditionellen Tanz. Das ist alles mehr als Folklore oder bloße Dekoration. Das wirkt authentisch und ungekünstelt. Und weit weg vom westlichen Tanz.

Leichter Dunst schafft eine spirituelle Atmosphäre. Stampfiger Rhythmus geht ins Blut, erinnert an männliche Rituale und archaisches Leben. „Die Schuld des Tages an die Nacht“ heißt diese berührende Choreografie, und man ärgert sich, dass sie schon nach einer Stunde vorbei ist.

Wahrscheinlich, mutmaßte Burkhard Nemitz, der Organisator der Tanztage, bei seiner Einführung in den Abend, dürfte die algerisch-französisch-arabische Truppe heute gar nicht mehr in die USA einreisen. Ein gewisser Herr Trump stünde davor. Wie gut, dass es Oldenburg gibt.


Info:   www.staatstheater.de 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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