Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich den „Kuddel“ als verkleidete Tante in dem Stück „Charlys Tante“ vom Niederdeutschen Theater gesehen habe, bei den Büttenabenden die Gruppe „Garde’n Angels“ oder auch das diesjährige Kinderprinzenpaar: Jedes Mal waren die Outfits ein echter Hingucker. Auf meine Frage, wer denn diese atemberaubende Kostüme genäht hat, bekam ich immer ein und dieselbe Antwort: Anne Warneken (73).

Anne-Margarethe Weihrauch, so ihr Geburtsname, ist in Bremen aufgewachsen und war die jüngste von vier Mädchen. „Es war schlimm; ich musste immer die Kleider meiner größeren Schwestern auftragen“, erzählt mir Anne, wie sie gerne genannt werden möchte. Schon mit sechs Jahren saß sie an der Nähmaschine ihrer Mutter und wollte Kleider für ihre Puppe nähen. Dabei ging die eine oder andere Nadel drauf, was ihre Eltern überhaupt nicht lustig fanden.

Zeichnen und Handarbeit waren ihre große Leidenschaft. Mit Begeisterung zeichnete sie ein Kleidungsstück, das sie anschließend anfertigte. Anne war in der fünften Klasse und auf einem Schulausflug, als die Lehrerin ihr schönes Kleid bewunderte. „Wer hat das denn für dich genäht?“. Als Anne ihr erzählte, dass sie es selbst war, wollte es die Lehrerin kaum glauben. „Ich habe viel abgeschaut und mir dann alles selbst beigebracht! Selbst beim sonntäglichen Gottesdienst waren meine Gedanken meistens schon wieder beim nächsten Schnitt“, gesteht Anne. Wenn Sie einmal nicht am nähen war, lief sie mit ihren Rollschuhen oder spielte Federball. Schon früh stand für sie fest: „Ich möchte Kostümbildnerin oder Theaterschneiderin werden.“

„Theater? Das geht gar nicht! Du lernst etwas anständiges“, entschieden ihre Eltern. So begann Anne Weihrauch 1957 eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau bei einer Transportversicherung. „Da ich auch mit Zahlen sehr gut umgehen konnte, hat mir diese Ausbildung sehr viel Spaß gemacht. Meine Garderobe habe ich dann in meiner Freizeit genäht“, erinnert sie sich noch genau. Eine ihrer Kolleginnen in der Berufsschule war Edda Warneken. Öfters erzählte Edda von ihrem Bruder Bernd, der nur Fußball im Kopf hatte. Als dieser dann für die Hochzeit der älteren Schwester Rita eine nette Begleitung suchte, meinte er zu seiner Schwester Edda: „Suche Du mir eine aus!“. Die Wahl fiel auf ihre Schulkollegin Anne. Aus der netten Begleiterin wurde 1961 seine Ehefrau. Anne hatte inzwischen ihre Berufsausbildung abgeschlossen und konzentrierte sich nun ganz auf die Familie, denn im Laufe der nächsten Jahre machten Ilona, Marco und Dunja die Familie komplett. Geschäfte für Oberbekleidung sahen die junge Familie Warneken immer nur von außen, denn Anne machte alles selbst.

1978 zog die junge Familie in ihr Haus nach Elmeloh. Bei meinem Besuch war ich fasziniert, denn Anne Warneken ist nicht „nur“ beim Nähen sehr kreativ, sondern auch bei der Einrichtung ihrer Wohnung und ihrem Garten. „Schon als Kind habe ich immer gerne im Garten gearbeitet. Wenn ich heute einmal den Kopf frei haben möchte, dann gehe ich in den Garten.“ Über 350 Rosen blühen hier, und alle Blüten sind farblich aufeinander abgestimmt.

Als ihre drei Kinder größer wurden, arbeitete Anne Warneken einige Jahre halbtags als Schneiderin in einem Geschäft für Stoffe. 1982 fasste sie den Entschluss, sich als Schneiderin selbstständig zu machen. Ihre Kreativität und ihre Perfektion sprachen sich schnell herum. „Meine Frau näht für jeden Kunden so, als würde sie ihre eigene Kleidungsstücke anfertigen“, sagt Ehemann Bernd. Für die Tanzweltmeister Ingrid und Werner Führer entwarf und nähte sie die Turnierkleider. Als das Ehepaar Führer ihre Tanzschule in jüngere Hände legten, wollten auch die Nachfolger nicht auf Annes Dienste verzichten.

Die Tanzschule „Die 3“ in Norderstedt führt in regelmäßigen Abständen ein Kindertanz-Musical auf. Die jeweils 40 bis 50 Kostüme für „Das Dschungelbuch“, „Die Schöne und das Biest“ oder jetzt „Die Monster AG“, stammen alle aus den bewährten Händen von Anne Warneken. Für die berühmte Musical-Darstellerin Anna-Maria Kaufmann fertigte sie zum Beispiel einen Rock mit einem Durchmesser von 13,5 Meter an. „Dafür haben wir unser Wohnzimmer ausgeräumt“, erinnert sie sich.

Für die Einradfahrer „Wildcats“ aus Harpstedt hatte sie ebenfalls die Wettkampfkostüme genäht. „Als diese mich mitten in der Nacht anriefen, dass sie Weltmeister geworden waren, kamen mir doch die Tränen“, erzählt Anne.

Ob kleine Änderung oder ein großes Bühnenkostüm, sie ist eben immer mit ganzem Herzen dabei. Sie ist glücklich, dass sie sich ihren großen Kindheitstraum doch noch erfüllen konnte. Ganz besonders stolz ist Anne Warneken auf Diandra, eine ihrer sechs Enkelkinder. Sie studiert Modedesign und gerne nimmt sie die Tipps ihrer erfolgreichen Oma an.

Anne Warneken, Leiterin des gleichnamigen Schneiderateliers in Elmeloh