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Keramiktage Kunst ist niemals Ton in Ton

Lea Bernsmann

Oldenburg - Vor andächtig schweigendem Publikum buddelt ein großer blonder Junge im Sand. Bis zu den Ellenbogen gräbt er sich in die feuchte Erde hinein.

Johannes Nagel ist auf der Suche. Nach Irritation und Verfremdung, Ursprünglichkeit und Neuerschaffung. Dafür wühlt der Keramiker im Sand, durch Oberflächlichkeit hindurch. In die gebuddelten Löcher gießt der 36-Jährige Porzellan – sie geben seinen preisgekrönten Plastiken die Form. Rau, wild, überraschend. „Ein Extremkeramiker“, jubeln Kunstkenner.

Einige davon sitzen im Publikum des eintägigen Seminars im Rahmen der Oldenburger Keramiktage. Seit 1999 holt sich die Werkschule als Veranstalter namhafte Künstler ins Haus, die Profis und Laien Werk und Schöpfung präsentieren. „Immer zwei und gerne gegensätzlich“, sagt Werkschul-Geschäftsführer Wolfgang Heppner und schwärmt vom experimentellen Johannes Nagel, der sich „wie ein Maulwurf Gänge gräbt und überraschende Gebilde“ zutage fördert und lobt die filigranen Arbeiten seiner Gegenspielerin.

Lut Laleman, zierlich, fast so zerbrechlich wie ihre Werke, kann keinen Sand unter den Nägeln gebrauchen. Mit Fingerspitzengefühl formt die Belgierin stecknadelkopfkleine Kügelchen und bindfadendünne Würstchen aus Porzellan – um sie zu einem mathematisch konstruiertem Gesamtkunstwerk zu verweben. „World-Wide-Web“, nennt sie eines ihrer Werke: „Weil es so viele Verknüpfungen gibt.“ Bevorzugt schichtet die 57-Jährige schwarze und weiße Elemente in geometrischen Abständen zu Schalen und Tellern, Tassen und Lampenschirmen oder abstrakten Formen.

Geduld behalten

Stunden, Tage, Wochen verbringt sie dafür im Atelier, hört Klassik, lauscht der Stille, blickt auf ihre Vorlagen: Papierschablonen mit millimetergenauen Berechnungen. „Präzise war ich schon immer – und sehr diszipliniert“, sagt die Belgierin und erzählt von der Arbeit als Pharmazeutin. In ihrem ersten Leben war Lut Laleman eine Apothekerin, die nach Feierabend Ton geknetet hat – zu ungewöhnlichen Objekten. „Sehr speziell“, haben die Leute das genannt und ihr empfohlen, damit auf Kunstmessen zu gehen. Vor 15 Jahren hat sich Lut Laleman dann ihr eigenes Erfolgsrezept ausgestellt und mit 38 Jahren an einer Kunsthochschule Keramik studiert.

Von ihren Anfängen erzählen geometrische Tonschalen, die sie ihrem Publikum ebenso wie Bilder ihrer unzähligen Ausstellungen rund um den Globus zeigt. Ihre Lampenschirme werden derzeit per 3-D-Drucker dupliziert. „Aber aus Plastik, nicht aus Keramik“, das kann nur ich. Sie lacht. Käuflich sind die wasserabweisenden Nachbildungen noch nicht – Lut Lalemans Unikate schon. Unbezahlbar geduldig ist die Belgierin übrigens nur mit ihren Kunstschätzen. „Beim Autofahren verliere ich schon mal die Nerven.“

Ihre zwingend fehlerfrei in Reih und Glied verflochtenen Werke landen nicht nur in Vitrinen: Essen können kunstliebende Käufer auch von den Tellern der 57-Jährigen. Sie selbst bevorzugt Rosenthal-Geschirr. Gebrauchskeramik „aber nur schöne“ hat auch Johannes Nagel im Wohnzimmerschrank stehen. Seine selbstkreierten Vasen eignen sich nicht für Blumen. „Erstens sind sie undicht, zweitens sehen Pflanzen darin nicht schön aus“, sagt er – sandgrabend. Das Buddeln habe etwas Archaisches, findet er. Vier Jahre habe er an dem Konzept getüftelt.

Experimente wagen

In der Zwischenzeit hat Johannes Nagel „viel rumprobiert“: Tonklumpen zu Türmen gedreht, Keramikblöcke zerschnitten, Gipsformen zersägt, Glasuren über Teller gekippt. „Das fanden manche Leute total stark“, sagt er.

Nicht so begeistert war sein Nachbar von dem Experiment, Gips und Ton gemeinsam zu brennen: Weißer Nebel und fauliger Eiergeruch drangen aus dem Atelier des „Extremkeramikers“.

Schuld an dem künstlerischen Chaos hat ein japanischer Töpfer. Von dem hat Johannes Nagel während seines Zivildienstes in Kanada nämlich das Handwerk gelernt, bevor es auf die Kunsthochschule in Halle an der Saale ging.

Seither ist der große blonde Junge auf der Suche, mal mit beiden Händen im Sand, dann mit dem Kopf durch die Gipswand – nach vergrabenen Schätzen und neuen Formen der Kunst, gefeiert von einem andächtig schweigenden Publikum.

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