Wüsting - Wenn Burghard Stöver sich an eine neue Skulptur wagt, geht er nicht mit kleinem Meißel, Feile oder Hobel vor. Nein – bei seinen Kunstwerken gelten anderen Dimensionen. Denn bei wuchtigen Baumstämmen von teils mehreren Metern Höhe und Gewicht von gut einer Tonne und mehr muss es Werkzeug von anderem Kaliber sein: Motorsägen.
Burghard Stöver schnitzt nicht, er „sägt“ seine Skulpturen. Und durch die vor allem anfangs noch recht grobe Vorgehensweise bekommen die unscheinbaren Baumstämme Gesichter, Form und Figur.
Auf dem weitläufigen Anwesen der Familie in Wüsting (Landkreis Oldenburg) kann man in jeder Ecke eine tierische Skulptur entdecken. Ein Wildpferd etwa, ein schelmisch grinsender Igel, Wasserspeier oder ein riesiges Vogelhaus. Kürzlich sogar ein Buch: „Mein erster Krimi“, sagt Burghard Stöver und lacht. Der 70-Jährige hat jahrzehntelang in der Finanzwelt gearbeitet, gründete erfolgreich eine Finanzberatungsagentur in Bremen. Nun hat er Zeit – und sprudelt nur so von Ideen.
Eisbärin „Bricy“ wird braun
Sein neuestes und eines seiner bislang größten Projekte heißt Bricy. Eine vier Meter hohe Eisbärin, zähnefletschend, ihre drei Jungtiere zu Füßen. Ihr Fell ist aber nicht komplett weiß, sondern nur bis zur Hälfte. Dann verblasst das Weiß und wird zu Braun. Das spiegelt auch ihr Name wider: Bricy, ein Kompositum aus brown (zu deutsch Braun) und Ice (Eis). Hinter jeder seiner Skulpturen gibt es eine Geschichte. Mal humorvoll und zum Schmunzeln, mal aber auch nachdenklich und mahnend. Wie bei Bärin Bricy. Denn hinter der imposanten Figur steckt eine traurige Geschichte und auch das Thema, was Burghard Stöver so umtreibt: der Klimawandel und seine Folgen. Denn die Eisbären sind in höchstem Maße bedroht. Die Eisflächen gehen immer weiter zurück und die Bären finden keine Nahrung mehr. Denn als weiße Bären werden sie zu Lande von ihren Beutetieren schnell erkannt – und die Nahrungsgrundlage flüchtet. Also passt sich Bricy an und wird immer dunkler...
Platz vor dem Sylter Museum
Die Eisbärin sei nicht nur eines der größten Projekte, sondern auch eins der schönsten, sagt Stöver. Denn die Skulptur ist die erste, die er für die Öffentlichkeit geschaffen hat. Seit Kurzem steht Bricy vor dem Sylt Museum (auch als Heimatmuseum bekannt), einem der Wahrzeichen der Insel, und macht eindringlich auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam. „Es steckt natürlich auch etwas Utopie und Fantasie im Projekt“, meint er. „Eigentlich wollen wir die weißen Eisbären doch erhalten – also sollten wir sie auch schützen.“
Für die Arbeit an den Baumstämmen braucht Burkhard Stöver auch mal einen Bagger zur Hilfe. (Foto: Mario Piera)
Eine neue Bestimmung für die Stämme
Meistens eignen sich Tiere aufgrund der Form der Stämme für die Figuren. Zu Beginn ist da eine Idee, ein Gedanke – oder auch eine schlechte Nachricht im Fernsehen, die Burghard Stöver um ein Thema kreisen lässt. Und das ist oft der Klimawandel und die Natur. Das Holz, was Burghard Stöver für seine Skulpturen nutzt, bekommt er von einer nahe gelegenen Tischlerei. Wenn dort ein Stamm nicht für die Weiterverarbeitung nützlich ist, bekommt er bei Stöver eine Bestimmung. Dabei ist es ihm eine Ehre, das Holz zu bearbeiten: „Ich gehe mit Respekt dran“, sagt der 70-Jährige. „Oft stehe ich voller Ehrfurcht vor dem Stamm.“ Schließlich sei das Holz über Jahre gewachsen, manchmal 100 bis 200 Jahre. „Ich gebe mir Mühe, etwas Schönes aus dem Stamm zu machen, denn das hat der Baum verdient.“ Keinesfalls würde Stöver einen Baum fällen, nur um daraus eine Skulptur zu machen.
Das Projekt "Bricy" von Burkhard Stöver. Die Eisbärin wechselt ihr Fell von weiß auf braun, um sich den veränderten Bedingungen durch den Klimawandel anzupassen.
Mario Piera
Das Projekt "Bricy" von Burkhard Stöver. Die Eisbärin wechselt ihr Fell von weiß auf braun, um sich den veränderten Bedingungen durch den Klimawandel anzupassen.
Mario Piera
Große Skulpturen brauchen Platz: Burkhard Stövers mit der Motorsäge geschaffenen Kunstwerke sind in seinem Garten zu sehen.
Mario Piera
Große Skulpturen brauchen Platz: Burkhard Stövers mit der Motorsäge geschaffenen Kunstwerke sind in seinem Garten zu sehen.
Mario PieraDass aus einem Stamm auch wirklich das entsteht, was sich der Hobbykünstler vorher im Kopf ausgemalt hat, ist nie absehbar. Denn im Inneren hat das Holz so seine Tücken – oder offenbart durch seine Beschaffenheit noch weitere Möglichkeiten.
So kam es, dass Bricy zu ihren Füßen noch den Nachwuchs sitzen hat. „Am Ende entscheidet der Baumstamm selbst, was draus wird“, sagt Stöver und lacht. Und das kann auch durchaus auch mal ein beeindruckendes Möbelstück werden, welches im Haus der Stövers seinen Platz findet.
Geduld und Disziplin sind gefragt
Auch wenn auf den ersten Blick seine berufliche Laufbahn im Finanzbusiness nichts mit dem Hobby gemein hat – eine Gemeinsamkeit gibt es doch: „Zum Geldanlegen gehören Geduld und Disziplin. Und das kommt mir auch bei meinen Skulpturen zugute“, erzählt Stöver. Beim Bearbeiten seiner Figuren muss die Vorgehensweise wohlüberlegt und die Kraft gut dosiert sein. Denn: „Was ab ist, kann man nicht mehr dransetzen.“ Für breite Stämme kommt schon mal ein Sägeblatt von 1,20 Meter Länge zum Einsatz, das ganze Gerät wiegt rund zehn Kilogramm. Heißt auch: Für die Arbeit an den Skulpturen muss der 70-Jährige körperlich fit sein.
Geld verdient Burghard Stöver übrigens nicht mit seinen Skulpturen – und das möchte er auch gar nicht. „Ich mache einfach das, wonach mir ist“, meint er und lächelt zufrieden. Unmengen an Ideen hat der 70-Jährige jedenfalls noch im Kopf.
