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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Lauter Lügen im Staatstheater Oldenburg

24.03.2015

Oldenburg Mag sein, dass der Radsport-Weltverband sich nichts dabei gedacht hat, als er Pinocchio zum Maskottchen der Weltmeisterschaft 2013 in Turin erkor. Richtig gelesen: der verseuchte Sportverband, der Doping-Betrug leugnet, und die Kinderfigur, der bei jeder Lüge die Nase immer länger wächst.

Regisseur Jens Kerbel hat sich eine Menge gedacht, um die Oper „Pinocchios Abenteuer“ von Jonathan Dove packend und glaubhaft ins Große Haus des Staatstheaters zu stellen. Das ist kein leichtes Unterfangen, weil das Werk von 2007 eine strikt durchkomponierte große Oper von zwei und einer halben Stunde Dauer ist. Sie soll auch noch als „Familienoper“ mindestens drei Generationen ansprechen.

Auch Kinder zeigen dem intensiven Stück keine lange Nase. Kerbel nimmt die jüngste Garde ernst. Sie folgt höchst gebannt dem Geschehen um die von Meister Geppetto zum Leben erweckte Holzfigur, die ein wirklich menschlicher Junge werden will. Die Spannung ist so hoch, dass der Tuschelfaktor im Raum gegen Null tendiert.

Die von Dirk Hofacker entworfene Drehbühne und die Kostüme von Mathilde Grebot verbreiten nachhaltigen Zauber, der sich bei aller Buntheit nicht in verwirrenden Mätzchen verliert. Der weit geschwungene Aufsatz dient oben als Brücke in viele Richtungen, unten als Raum für Verborgenes und Geborgenes.

Doves Musik wirkt atmosphärisch wie Filmmusik, reicht aber weit über das Illustrieren von Geschehen und Gefühlen hinaus. Melodik und Motorik und die farbige Orchestrierung schmeicheln nicht ein, aber sie greifen tief und beglücken hoch. Kapellmeister Carlos Vázquez lässt das Staatsorchester straff und klar musizieren mit Sinn stiftenden Gewichtungen.

Die Regie hat Carlo Collodis ernsthafte Märchengeschichte so verdichtet, dass sie die Botschaften auf sehr direktem Wege vermittelt: Spaß allein bringt nicht das Lebensglück. Freiheit ist an Pflichten gebunden. Mensch zu werden zwischen den Lockungen der Kindheit und den Forderungen der Erwachsenen, verlangt viel Kraft.

Die Aufbereitung hat große Meriten und kleine Mängel. Manche Vereinfachung unterschätzt die kindliche Denkweise. Wünschen und Bekommen wird plakativ über Geldverdienen oder Belohnung definiert. Und ein Kind muss brav sein, wenn es im Leben etwas erreichen soll. Dass Liebe, Loyalität, Fleiß, Vertrauen und Fantasie die Maßstäbe setzen, rückt etwas zurück. Zudem bläst die Inszenierung im ersten Teil unwiderstehlich die Backen auf, aber im zweiten geht ihr etwas die Puste aus.

Ihre große Stärke hat sie in der pausenlos auf der Bühne präsenten und konditionsstarken Darstellerin des Pinocchio. Hagar Sharvit gestaltet voller Hingabe. Ihr Mezzo mit viel Timbre, schönem Körperklang und sauberer Führung erlaubt ihr Lebhaftigkeit und feine Nuancierung. Paul Brady (Geppetto) ist darstellerisch und sängerisch eine Institution. Anna Avakian lebt die Blaue Fee überzeugend. Philipp Kapeller (Lampwick) führt mit blumigem Tenor ein homogenes Ensemble an (darunter Alexandra Scherrmann, Peter Kellner, Jakob Huppmann, Nicola Amodio oder Melanie Lang), dazu der von Thomas Bönisch einstudierte Chor.

Kinder haben viel Sinn für Wahrhaftigkeit. Opern für sie sind derzeit in Mode. Erwachsenen kommt das sehr zugute. Siehe diesen „Pinocchio“.

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