Frankfurt Am Main - Der US-amerikanische Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der 54-Jährige sei ein Pionier der digitalen Welt und einer ihrer wichtigsten Kritiker, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche.
Lanier warne vor der „Datensammelwut“ von Internetkonzernen, Geheimdiensten und Regierungen. Er trete dafür ein, der digitalen Welt Strukturen vorzugeben, die die Rechte des Individuums beachten und die demokratische Teilhabe aller fördern. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.
Kaum jemand habe die Gefahren und Risiken der Digitalisierung grundsätzlicher benannt als Jaron Lanier, sagte der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, in seiner Laudatio. „Seine Kritik ist nicht kulturpessimistisch, schon gar nicht technologiefeindlich, sondern er mahnt aus der Position eines kenntnisreichen, zur Sache selbst aber loyalen Oppositionellen. Dadurch sind seine Überlegungen besonders erhellend.“
Lanier verteidige die Einzigartigkeit des Menschen im digitalen Zeitalter mit großer Vehemenz, betonte Schulz. Damit stehe er in einer großen humanistischen Tradition. Lanier warne davor, Computer und Netzwerke über das Menschliche zu stellen, den Menschen klein zu halten. Er erhalte den „eminent politischen“ Friedenspreis zu Recht und er bekomme ihn auch stellvertretend für alle, die diese wichtige Debatte über die digitale Zukunft führen.
Der in New York City geborene Lanier war Schulabbrecher, besuchte Vorlesungen in Mathematik und bildete sich zum Informatikexperten aus. Er gilt als der Vater des Begriffs der „virtuellen Realität“, initiierte internet-basierte Computernetzwerke und konstruierte virtuelle Kameras, 3D-Grafiken für Kinofilme und den ersten Avatar, einen künstlichen Stellvertreter für eine reale Person in der virtuellen Welt. Neben der Forschung gründete er das Unternehmen VPL Research. Lanier lebt im kalifornischen Berkeley, lehrt an mehreren US-amerikanischen Universitäten und arbeitet als Forscher für Microsoft Research.
Seit der Jahrtausendwende setzt sich Lanier verstärkt mit der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Wirklichkeit und virtueller Realität auseinander. Mit seinen beiden Büchern „Gadget“. Warum die Zukunft uns noch braucht„ (2010) und “Wem gehört die Zukunft?„ (2014) über negative Entwicklungen in der digitalen Welt ist er in den vergangenen Jahren zu einem ihrer wichtigsten Kritiker geworden. Lanier tritt auch als Pianist und Musiker mit asiatischen Wind- und Harfeninstrumenten auf und komponiert. Gemälde und Zeichnungen von ihm wurden in Ausstellungen präsentiert.
Für seine Erfindungen und Entwicklungen wurde er mit zwei Ehrendoktortiteln ausgezeichnet. 2001 erhielt er den “CMU s Watson Award„ sowie 2009 den “Lifetime Career Award„ des weltweit größten Berufsverbandes für Ingenieure. Sein Buch “Wem gehört die Zukunft?„ wurde 2014 mit dem “Goldsmith Book Prize“ der Universität Harvard in Cambridge (US-Staat Massachusetts).
Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels waren zuletzt die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch (2013), der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu (2012), der algerische Schriftsteller Boualem Sansal (2011) und der israelische Schriftsteller David Grossman (2010).
