Mainz - Am Ende ist es für Locke einfach zu viel: der Alkohol und wohl auch die Enttäuschungen. „Locke, wie geht es Ihnen eigentlich? Sie sehen so gelb aus“, fragt der Interviewer. Naja, das sei wohl die Leber, das gehe vorbei, meint der Mann, der mit bürgerlichen Namen anders heißt. Locke, ein Obdachloser aus Rostock, überlebt aber nicht - nach 23 Jahren ohne eigenes Dach über dem Kopf.
An seinem Grab stehen zwei Menschen, seine Geliebte und eine Betreuerin aus dem Obdachlosenheim. Zuvor hat die Kamera den Mann, der nur 41 Jahre alt wurde, über Monate begleitet. Bis zuletzt, auch im Krankenhaus. Dies sei sein Wunsch gewesen, heißt es in dieser berührenden Dokumentation „Wie der letzte Penner? - Obdachlos in Deutschland“, die ZDFinfo an diesem Sonntag um 20.15 Uhr zeigt.
Der Titel des rund 45-minütigen Films ist so schonungslos wie der Inhalt. Spiegel TV-Reporter Thomas Kasper hat vier Männer begleitet - drei Obdachlose, von denen der älteste 81 Jahre alt ist, und einen Arzt, der Menschen ohne eigene Wohnung medizinisch und seelsorgerisch betreut. Kasper wollte ergründen, wie Obdachlose leben und überleben, welche Wünsche sie haben, wie sie ihre Zeit verbringen.
Der 81-Jährige aus München hat seine eigenen Methoden: Meditation und geistige Nahrung. Er war Elektroingenieur. Irgendwann kamen eine „familiäre Katastrophe“, Zusammenbruch und Psychiatrie. Davon habe er sich nie erholt, heißt es. Nun pendelt der Weißhaarige im Jackett zwischen Bibliothek, Museum, Vorlesungssaal und Cafe.
Über seine Lage möchte er nicht so gerne sprechen, sondern lieber über Aristoteles diskutieren. Oder auf Englisch über den Wandel der Kommunikation mit einem amerikanischen Touristen, den er auf einer Bank an einer Bahnhaltestelle trifft.
Kasper zitiert Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, wonach die Zahl der Menschen ohne Wohnung in Deutschland stark gestiegen ist: von rund 223.000 im Jahr 2008 auf etwa 335.000 im Jahr 2014. Die Prognose ist düster. Bis 2018 wird demnach mit gut einer halben Million gerechnet. Dann wäre der Intellektuelle aus München 83 Jahre alt.
Ronny aus Berlin ist 30 Jahre alt geworden. Eigentlich wollte er mit seiner ebenfalls obdachlosen Freundin und anderen ein Spanferkel grillen. Dazu kommt es nicht, wie er an einer Unterführung am Bahnhof Zoo berichtet. Überhaupt: „Der Bahnhof Zoo ist eigentlich mein zweites Zuhause.“ Dort könne er essen, duschen, Leute treffen.
Ronny bettelt auch auf dem Alexanderplatz: „Ich schäme mich dafür, andauernd. Die Blicke. Ich schäme mich dafür, dass ich so weit unten bin.“ Dass ihre Lage auch den anderen Protagonisten des Filmes zu schaffen macht, wird sehr deutlich. Ebenso, wie rasch jemand in so eine Situation geraten kann: Wohnungsmangel; Probleme, Vorurteile; Süchte, Krankheiten oder Ereignisse, die einen Menschen aus der Bahn werfen - etwa der gewaltsame Tod des eigenen Kindes.
Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert ist mit einer mobilen Arztpraxis unterwegs, um Obdachlose zu behandeln und mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Er sagt, dass das Immunsystem von Menschen auf der Straße zum Teil stark sein könne. Es gebe aber Risikofaktoren wie Witterung, Schutzlosigkeit, Alkohol. Wohnungslose stürben deutlich eher als behauste Menschen. Seit 1990 seien 290 Obdachlose erfroren.
„Mein Handeln ist für mich ein Protest gegen die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Land“, sagt Trabert. Der Film lässt den Zuschauer, der sehr wahrscheinlich nach dem Abendbrot im Warmen sitzt, für eine Dreiviertelstunde an einer Lebenswelt teilhaben, mit der sich viele Menschen nur ungern beschäftigen. Das geht unter die Haut. Die gefühlige Musikuntermalung wäre nicht nötig gewesen.
Starke Momente sind, wenn über Gewalt unter Obdachlosen berichtet wird, aber eben auch über Solidarität: Jemand schenkt Ronny 40 Cent. Moni, die mit Locke zusammen war, weint an seinem Grab - sie hat einen geliebten Menschen verloren.
