Oldenburg - Die letzte Opernpremiere der Saison des Oldenburgischen Staatstheaters erwies sich als Volltreffer. Regisseur Markus Bothe ist im Großen Haus mit „The Rake’s Progress“ von Igor Strawinsky eine kurzweilige Produktion gelungen, getragen von einem hervorragend disponierten Ensemble. In dem 1951 uraufgeführten Werk zeigt sich Strawinsky – anders als in seinem Ballett „Le Sacre du Printemps“ – nicht als musikalischer Erneuerer, sondern greift auf die Tradition des Belcanto zurück – mit Anklängen an Monteverdi und Händel, aber auch an den Jazz.
Nähe zu Mozart
Die Oper ist in einem neo-klassizistischen Stil geschrieben, als Nummernoper mit Arien und Rezitativen. Die Gesangspartien pflegen den Belcanto im Sinne Bellinis. Die größte Nähe aber findet sich zu Mozart, insbesondere seinem „Don Giovanni“. Hier wie dort gibt es einen Helden, dem eigentlich nichts gelingt, und auch einen Epilog, in dem alle handelnden Personen an die Rampe treten und ein moralisches Fazit ziehen. Die Oper ist ein wahrer Leckerbissen für Feinschmecker.
Im Eingangsbild sieht man ein bäuerliches Idyll mit Kuckucksuhr. Tom Rakewell und Ann Truelove sitzen in zwei riesigen Stühlen, so dass sie wie Kinder wirken. Ihre Liebe wirkt jung und unschuldig. Nur der Vater (profiliert: Benjamin LeClair) ist skeptisch. Zu Recht: Mit dem Erscheinen von Nick Shadow nimmt das Unglück seinen Lauf, denn der überredet Tom, sich als „Wüstling“ in den Rausch weltlicher Genüsse zu stürzen.
Shadow ist eine Mischung aus Diener und Teufel, aber auch die Inkarnation der tiefen Abgründe in Toms Seele. Peter Felix Bauer verkörperte diesen smarten Teufel mit diabolischem Charme und sang mit substanzreichem Bariton, der erst am Ende etwas aufgeraut klang.
Toms Reise durch London führt zunächst in ein Bordell. Bühnenbildnerin Ricarda Beilharz hat dazu eine skurrile Plastik auf die Bühne gewuchtet, einen stilisierten rosa Fleischberg, aus dem der Kopf der Puffmutter Mother Goose (Annekathrin Kupke) herauslugt und den die Freier in Unterhosen umschleichen.
Differenzierter Klang
Dann geht es in die Filmwelt Hollywoods der 60er Jahre. Tom soll die Türkenbaba heiraten, ein skurriles, bärtiges Vollweib und zugleich ein berühmter Filmstar. Riesige Filmplakate belegen ihren Ruhm. Geneviève King sang die Partie mit sattem geläufigem Mezzo. Die Ehe führt allerdings ins finanzielle Chaos. Bei der Versteigerung ihrer Habseligkeiten setzte Ziad Nehme als geckenhafter, eitler Auktionator einen glanzvollen Höhepunkt.
Spannend geriet die Kartenszene, in der Tom um sein Leben spielt und seinen Sieg mit dem Wahnsinn bezahlt. Nur Ann Truelove steht ihm noch zur Seite und singt ihn mit einem anrührenden Lied in den ewigen Schlaf. Mareke Freudenberg gestaltete die anspruchsvolle Partie mit belcantoseliger Delikatesse. John Heuzenroeder (als Gast aus Köln) führte als Tom seinen frischen, lyrischen Tenor ausdrucksvoll durch die Partie.
Eine ansprechende Leistung lieferten auch der Opernchor (Paul-Johannes Kirschner) und das Oldenburgische Staatsorchester unter Thomas Dorsch, mit der sie die Feinheiten der kunstvollen Musik mit differenziertem Klang auffächerten.
