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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Eine Sternstunde und sechs Zugaben

29.07.2017

Leer Das Wort des lange größten Pianisten Maurizio Pollini steht: „Die Sonaten von Mozart sind zu leicht für Amateure und zu schwer für professionelle Musiker!“ Will heißen: Die Naivität des Liebhabers trifft die einfachen Gesten sicherer als das Grübeln des Kenners. Da muss schon ein ebenso Großer kommen, um dieses Diktum aus den Angeln zu heben.

Grigory Sokolov ist das, sensationell zum zweiten Mal in Leer zu Gast bei den Gezeitenkonzerten der Ostfriesischen Landschaft, und noch stürmischer umjubelt als vor einem Jahr. „Er hat sich einfach hier wohlgefühlt“, sagt Matthias Kirschnereit lächelnd auf die Frage, wie ihm als Künstlerischem Leiter dieser Coup erneut gelungen ist.

750 Hörer im seit Monaten ausverkauften Theater an der Blinke wissen feinfühlig die Gesten des Gastes zu deuten. Sie spüren, dass er zwischen den Sonaten keinen Beifall möchte. Also spielt er in ungeahnte Tiefen dringend im ersten Teil Mozart ungestört ohne Pausen: die Sonaten C-Dur KV 545 und c-Moll KV 457, die Fantasie c-Moll KV 475. Im zweiten folgt Beethoven mit den Sonaten Nr. 27 e-Moll op. 90 und Nr. 32 c-Moll op. 111. Mit Zugaben ergibt das drei Stunden Musik.

Selbst das C-Dur-Sonätchen hat bei Sokolov nicht die oberflächliche Überschaubarkeit, die alle Klavierschüler schätzen. Ebenmaß, ein tragendes Mozart-Kriterium? Da setzt Sokolov seinen eigenen Kopf dagegen, retardiert im Tempo, zieht an. Das ist bester Mozart. Der war damals als einer der größten Pianisten geradezu stolz auf seine freie Tempowahl. Nichts wirkt in den c-Moll-Werken unlogisch. Sokolov entdeckt versteckte Dramatik, lässt Aufrüttelndes hervorbrechen, durchmisst einen weiten Raum zwischen gehauchter Lyrik und Theaterdonner.

Mit Beethoven hat er es dann fast leicht, so sehr hat er Mozart schon zum anderen Genie hinüber gespielt. Doch leicht macht es sich Sokolov keineswegs. Im Opus 90 dehnt er Übergänge fast bis zum Zerreißen, dann bringt er Akkordballungen zum Explodieren. Doch zu einer Sternstunde, die selbst die Größten nicht vorplanen können, wird die Arietta im Opus 111. Kann man Beethovens Vermächtnis auf dem Klavier überhaupt so weitschweifend nacherzählen? Sokolov kann das, ebenso introvertiert wie vehement.

Begonnen hat das denkwürdige Konzert mit einem eingängigen Werk, das schon Kinder kennen. Und es endet mit einer Musik, die in die Ewigkeit entschwindet.

Sechs sorgfältig kalkulierte Zugaben hängt der Russe an, Schubert, Schumann, Rameau und dreimal Chopin. Was ist bei ihm schon normal? Dass er die Show meidet, ist seine Show. Und am Ende, unfassbar, lässt er sogar ein feines Lächeln über sein Gesicht huschen. Es könnte Grigory wieder gut gefallen haben!