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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ohne Seilabsicherung hinauf zum Gipfel

03.08.2019

Leer Manchmal schichten Dirigenten oder Moderatoren Bauklötze aufeinander, wenn sie einem jüngeren Publikum den Aufbau von Wolfgang Amadeus Mozarts Jupiter-Sinfonie näherbringen. Seht, diese roten Steine, das sind die vier ganzen Noten vom Fugenthema im Finale. Schaut, die anderen, so laufen Imitationen und Umkehrungen. Jede Farbe steht für ein Kontrapunkt-Kunststück. Dann ziehen die Erklärer einen Stein aus dem filigranen Gebäude. Schon steht es schief. Tja, nicken sie dann, so empfindlich ist dieses Bauwerk Sinfonie Nr. 41 C-Dur, KV 551!

Diese Bedrohung für die Statik steigert die Deutsche Kammerphilharmonie beim Gezeitenkonzert im mit 730 Besuchern ausverkaufen Theater an den Blinke in Leer noch zusätzlich. Das Weltklasse-Orchester aus Bremen spielt einfach ohne Dirigent. Das gleicht einer Klettertour um Alpen-Gipfel herum, dazu ohne Seilabsicherung. Um den Ausgang vorwegzunehmen: Diese Tollkühnheit gelingt überragend!

Klar, einen Spiritus Rector braucht dieses Unterfangen. Das ist Gast-Konzertmeister Ludwig Müller, ein überaus vertrauenswürdiger und inspirierender Geiger, wenn es darum geht, ein Orchester vom ersten Pult aus zu leiten. Die Gefahr, dass die Musik ihre spontane Wandlungsfähigkeit verliert, wenn kein Dirigent auf augenblickliche Stimmungsschwankungen reagiert, ist bei dieser Autorität durchgehend gebannt. Jeder Musiker fühlt sich spürbar für seine Stimme verantwortlich.

Über rhythmischen Elan und Präzision hinaus und bis in den heiklen Schlusssatz hinein werden auch kleinste Motive und Details belebt. Bei vibratofreiem Spiel, mit Gänsehaut-Effekt im Andante cantabile, wirken die Akzentuierungen sehr natürlich. Und die vom Orchester gern eingesetzten Naturtrompeten verfeinern den Klang zusätzlich.

Da wirken die beiden Klavierkonzerte, mit denen der aktuell höchst angesagte US-Amerikaner Kit Armstrong brilliert, leichtgewichtiger. Das D-Dur-Werk von Joseph Haydn mit dem beliebten Rondo all’Ungarese hat seine Leerlauf-Passagen. Und Felix-Mendelssohn-Bartholdys g-Moll-Opus von 1831 mit seinem Dahinschmelz-Andante kommt in den Ecksätzen zuweilen kurzatmig daher. Doch was machen die Interpreten daraus!

Armstrong findet die ideale Synthese, indem er die Läufe nicht einfach abspult, ihnen mehr Gewicht gibt, die natürliche Leichtigkeit und Lockerheit damit aber nicht belastet. Mit dezenten Verzierungen gönnt Armstrong Haydn ein Augenzwinkern, ohne ihn brav oder naiv wirken zu lassen. Bei Mendelssohn erweist sich das Orchester in den schnellen Sätzen als wuchtiger Antreiber. Doch bei allem Ansporn lässt sich der Pianist nie dazu verleiten, die rasanten Läufe zu verschmieren. Er kultiviert ein perfekt abgesetzt und dann wieder verbundenes Legatospiel zur höchsten Kunst.

So macht man aus schöner 1b-Musik packende 1a-Musik.

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