LEER - Das Massaker findet in einer türkischen Metzgerei statt. War es tatsächlich das Finale einer Auseinandersetzung von rivalisierenden Kiezkönigen? Oder hat es mit dem Thema Ehrenmord zu tun?

Die Lösung des Falls zog sich lange hin. Schuld hatte allerdings nicht die ermittelnde Kommissarin. Schuld hatte der renommierte Düsseldorfer Droste-Verlag. Der lehnte im letzten Augenblick den längst vereinbarten Druck des Buches „Ehre, wem Ehre“ ab – aus Angst vor islamfeindlichen Passagen, aus „Fürsorge für die Mitarbeiter“ des Verlags. Die Sache sorgte bundesweit für Schlagzeilen.

Nichts Verunglimpfendes

Diese Angst kennt man in Ostfriesland nicht. „Wir haben das Werk spontan in unser Programm genommen, wir drucken das Buch ungekürzt“, betont Verlegerin Heike Gerdes vom Leda-Verlag in Leer. „Wir haben das Manuskript genau gelesen. Natürlich ist es kritisch, natürlich gibt es Auseinandersetzungen. Aber wir haben nichts gefunden, was Türken oder den Islam verunglimpfen würde. Das ist einfach ein spannender Krimi, der ein aktuelles Problem aufgreift.“

Der Leda-Verlag habe die Auseinandersetzung zwischen der Autorin Gabriele Brinkmann (51), die unter dem Pseudonym W. W. Domsky schreibt, und dem Droste-Verlag aufmerksam verfolgt. Das Manuskript war lektoriert und abgenommen, wurde dann aber durch den Verleger Felix Droste kurz vor Drucklegung aus dem Programm genommen. Die Autorin hatte es abgelehnt, Änderungen in frechen Dialogen vorzunehmen. Da gab Droste die Rechte an die Autorin Brinkmann/Domsky zurück.

„Viele wollten danach das Buch, auch große Verlage, aber keiner wollte das Werk spontan drucken – wir haben gesagt: wenn, dann sofort“, betont Heike Gerdes.

„Ehre, wem Ehre“ greife ein heißes Thema auf. Angegriffen würden die Auswüchse einer „frauenfeindlichen Einstellung, die sich auch noch auf Tradition und Religion beruft, um Männern die Macht zu erhalten“, erklärt Heike Gerdes.

Ein Schnellschuss

Das Buch nicht zu drucken wäre „viel ehrenrühriger und diffamierender. Die Nicht-Veröffentlichung würde ja bedeuten, den Islam und seine Anhänger unter Generalverdacht zu stellen. Da muss man differenzieren. Es wird am Ende wohl keine Fatwa gegen Ostfriesland geben“, schmunzelt die Verlegerin.

Aus Gründen der Vernunft habe man dennoch die Polizei in Leer (Sitz des Verlages) und Bochum (Wohnort der Autorin) verständigt. Und dann ist Heike Gerdes auch schon auf dem Sprung. Es geht zur Buchmesse. Da will der kleine Verlag am Freitag den Schnellschuss („Die Druckerei musste zaubern“) vorstellen: „Die Leute sollen sich selbst ein Bild machen. Alle Leser sollten Zensor sein.“

Ein guter Gedanke.