LEER - „Die erste Auflage war nach 14 Tagen ratzeputz weg; vor allem die Neugier sorgte dafür“, gibt Verlegerin Heike Gerdes zu. „Inzwischen wird das Buch aber einfach auch als ein guter Krimi wahrgenommen. Und so mancher Leser versteht die Aufregung darum nicht.“
Die Aufregung bezog sich lange Zeit auf das heiße Thema Ehrenmord. Es spielt in dem Krimi der Autorin Gabriele Brinkmann (51), die unter dem Pseudonym W. W. Domsky schreibt, eine sehr große Rolle. Zunächst sollte dieser Roman „Ehre, wem Ehre“ im renommierten Drosde Verlag in Düsseldorf erscheinen.
Bundesweite Schlagzeilen
Das Manuskript war bereits lektoriert und abgenommen. Doch der Drosde Verlag lehnte im letzten Augenblick den vereinbarten Druck ab – die Autorin hatte es abgelehnt, noch Änderungen in angeblich zu frechen Dialogen vorzunehmen. Da verzichtete Verleger Felix Drosde aus Angst vor angeblich islamfeindlichen Passagen, aus „Fürsorge für die Mitarbeiter des Verlags“. Die Sache sorgte in den vergangenen Monaten bundesweit für Schlagzeilen.
Im Oktober zeigte dann der kleine Leda-Verlag in Leer, dass Ostfriesland wacker die Fahne der Freiheit hochhält. „Wir haben das Werk Mitte Oktober spontan zur Frankfurter Buchmesse in unser Programm aufgenommen, wir druckten es sofort ungekürzt“, erklärt Verlegerin Heike Gerdes.
Das Manuskript hatte man noch einmal genau geprüft, aber nichts entdeckt, was Türken oder den Islam verunglimpfen könnte. Das Buch handelt von einem Massaker in einer türkischen Metzgerei. War es tatsächlich das blutige Finale eines Bandenkriegs in der Innenstadt von Bochum? Oder hat es mit dem Thema des sogenannten Ehrenmords zu tun? „Angegriffen werden Auswüchse einer frauenfeindlichen Einstellung, die sich auch noch auf Tradition und Religion beruft, um Männern die Macht zu erhalten“, erklärt Heike Gerdes. „Aber im Grunde ist das eben beim Lesen nur ein guter, harter, spannender Krimi.“
Keine Proteste
Offenbar so spannend, dass inzwischen schon die zweite Auflage im Buchhandel ist. „Manchmal“, fiel Verlegerin Gerdes auf, „erwarteten die Leute wohl was anderes vom Inhalt.“ Und auf manche Glückwünsche, besonders aus der rechtsradikalen Ecke („die witterten wohl den Sieg des Abendlandes“), hätte sie gern verzichtet. „Aber Deutschtümler und Radikale werden in dem Buch zum Glück ja auch nicht bedient, das Werk ist in keiner Zeile ausländerfeindlich.“
Proteste von Islamisten gab es bis heute nicht. Im Gegenteil: Schriftstellerverbände, Politiker und andere Verlage gratulierten. So wurde aus einem vermeintlichen Skandalbuch ein schöner Verlagserfolg. Und Ostfriesland lebt gut ohne Fatwa.
