Oldenburg - Lange hält es ihn nicht im Parkett. Aufspringend und nervös mit den Fingern schnippend wechselt Martin Schläpfer aus dem roten Samtsessel auf die nackte Bühne. Demonstrierend biegt und verdreht er seine Gliedmaßen, redet in einem Gemisch aus englischen und deutschen Satzbrocken auf die Solotänzerin Nicol Omezzolli ein, die parallel seine anfeuernden Kommandos umsetzt. „Ja, das ist besser.“ Und weiter. „Go on, go on!“
Körper als Instrumente
In Tanzfilmen sind Choreografen meist im Umgang reichlich komplizierte, herrische Typen, die von ihren Tänzern noch den letzten Schweißtropfen fordern. Martin Schläpfer ist aber etwas anders gestrickt. Der Chefchoreograf an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg scheint keinerlei Allüren zu haben. Er wird mit Lob und Preisen überhäuft, der Niederländer Hans van Manen hat eigens ein Ballett für ihn kreiert, aber er selbst sieht sich als „Außenseiter“. Er sei „nicht karrieregeil“, betont er mit einem ganz leichten, melodischen Schweizer Akzent.
Nun hat sich die 57-jährige Ballett-Ikone aus dem Appenzeller Land für Oldenburg und das Staatstheater auf den Weg gemacht. Aus gutem Grund: Die Ballettsparte wird von jemandem geleitet, der sein „brillantester und eigenwilligster Tänzer“ war – der Franzose Antoine Jully. Zusammen gestalten sie an diesem Sonnabend im Kleinen Haus einen Ballettabend mit vier Choreografien. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.
Auch im Gespräch sitzt Schläpfer kaum eine Minute still. Der Tanz ist für ihn die „primitivste“, das heißt ursprünglichste Art des Ausdrucks. Tanz sei etwas Großartiges, ein europäisches Kulturphänomen. Tanz werde es immer geben, sagt er und redet schnell, bis er sich selbst unterbricht und grinsend der „Laberei“ bezichtigt. Koketterie? Bei ihm eher nicht.
Energie und Bewegung sind sein Fundament, pure Bewegung, denn der Tänzer und Choreograf ist „kein Liebhaber des Handlungsballetts“. Inhalte seien in Schauspiel und Oper besser aufgehoben. Beim Ballett müsse das Publikum nicht den Kopf, sondern alle Sinne einsetzen, während die Tänzer ihre Körper in Instrumente verwandeln – für ihn mindestens so aussagekräftig wie Klavier oder Geige.
48 Tänzer gehören zum Ballett am Rhein, das Martin Schläpfer neu formiert hat, dazu ein Haus in Duisburg und eines in Düsseldorf – beide bilden seit Jahrzehnten eine Operngemeinschaft –, insgesamt 3000 Quadratmeter für Tanz und ein neues Balletthaus. Seit 2009 leitet er das Ensemble, das dreimal in Folge als Compagnie des Jahres ausgezeichnet wurde.
Bis 2019 steht Schläpfer in Düsseldorf noch unter Vertrag, den Direktionsposten hat er inzwischen aber an seinen Stellvertreter abgegeben, um sich stärker auf die künstlerische Leitung konzentrieren zu können. Der doppelte Druck sei weg, erklärt er und gibt zu, dass er ständig unter Spannung steht.
Hütte als Rückzugsort
Um aufzutanken in der theaterfreien Zeit, hat er einen Rückzugsort gefunden: Seit 2008 gehört Schläpfer, der ursprünglich Biobauer werden wollte, eine rustikale Hütte im Tessin – nicht sonderlich bequem, ohne Elektrizität, ohne Wasserleitung, aber mit einer Quelle vor der Tür. Die Hütte und die Nähe zur Natur würden ihm ein „Glücksgefühl“ bescheren, sagt Schläpfer und ist doch froh, dass er nicht von der Landwirtschaft leben muss. So kann er ganz entspannt ein Feuer im Kamin anzünden. Um sein eigenes Feuer muss man sich aber keine Sorgen machen: „Die Energie ist nie zu Ende“, sinniert er. „Bis man stirbt.“
